Waldbrände in Südfrankreich
Der ganze Wahnsinn der Welt in einem Foto
Ein Paar am Seestrand, am anderen Ufer die Apokalypse. Ein Jahrhundert-Schnappschuss, der jedem Betrachter vor Augen führt, dass unser Umgang mit der Klimakrise gescheitert ist.
Ein Foto, das wohl in die Geschichte eingehen wird: ein Urlaubspaar am Strand von Lacanau, Südwestfrankreich Foto: Maximilien Lamy/AFP
2026, das ist das Jahr, in dem Satire endgültig ihren Geist aufgegeben hat. Jede Realität ist verrückter und schräger als die Fiktion. Der AFP-Fotograf Maximilien Lamy hat am vergangenen Wochenende ein Foto geschossen, das den ganzen Wahnsinn der Welt in einem Foto einzufangen scheint. Ein Paar liegt am Strand, am See von Lacanau, ein paar Kilometer westlich von Bordeaux. Sie schaut auf ihr Handy, er blickt auf das andere Ufer. Zwei Liegestühle, ein bunter, herrlich altmodischer Sonnenschirm – aber den brauchen die beiden eigentlich nicht. Denn die Sonne ist verschwunden, der Himmel ist verdunkelt. Von den gigantischen Waldbränden, die am Horizont wüten.
Es ist ein Schnappschuss, wie er nur selten gelingt. Eine Komposition wie ein klassisches Gemälde, die Farben tief, warm, dramatisch. „Urlaub in der Apokalypse“ könnte dieses Kunstwerk heißen. Allein: Es ist ja das wahre, echte Leben. Man schaut also auf dieses Foto und kann es kaum fassen. Sofort schießen Assoziationen durch den Kopf: Man denkt an „Don’t Look Up“, die schwarze Komödie von US-Regisseur Adam McKay, einen erfolgreichen Netflix-Film von vor ein paar Jahren, in dem die Menschheit ihren drohenden Untergang nicht wahrhaben will. Genauso erscheinen einem diese beiden Urlauber an der Plage du Moutchic. Und genauso erscheinen wir uns auch selbst, wenn wir diese Aufnahme betrachten.
Wie die Realversion eines berühmten Memes
Alles in Ordnung, die Welt brennt. Quelle: Internet
Dieses Jahrhundertfoto sprengt alle Grenzen in unseren Köpfen. Es ist die Realversion des berühmten „This is fine“-Memes, in dem ein Hund bei einer Tasse Kaffee in einem brennenden Haus sitzt und mit zufriedenem Grinsen feststellt: „Alles okay.“ Ein Meme übrigens, das seit vielen Jahren immer dann kursiert, wenn es darum geht, Menschen für die unmittelbaren Folgen der Erderhitzung zu sensibilisieren.
Bitte nicht falsch verstehen, dem Urlaubspaar auf dem Foto ist dabei kein Vorwurf zu machen. Vielleicht sind die beiden auch nur dabei, in Anbetracht der Umstände noch das Beste aus ihrem hart erackerten Jahresurlaub zu machen. Die Waldbrände sind genauso wenig ihre persönliche Schuld wie der Klimawandel. Und doch sind dieser Mann und diese Frau nun zu einem Symbol geworden, das größer ist als sie selbst. Sie sind unsere Platzhalter, unsere Identifikationsfiguren. Sie zeigen uns, dass wir keinen Umgang finden mit der Klimakrise, mit der Katastrophe, die auf uns zurollt. Wie sie sind wir hilflos, erstarrt. Gefangen zwischen Ignoranz und Schock machen wir einfach weiter wie bisher.