Krieg und Frieden
Das Dilemma eines bekennenden Pazifisten – eine persönliche Betrachtung
Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der sich am 8. Mai 2025 zum 80. Mal jährt, und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine liegen Jahrzehnte des Kalten Krieges und seiner Stellvertreterkriege, aber auch Jahre der Entspannungspolitik und das Ende des Ost-West-Konflikts. Eine persönliche Betrachtung aus pazifistischer Sicht.
Ein zerstörter russischer Panzer liegt am Straßenrand bei der Gegenoffensive der ukrainischen Armee Foto: Uncredited/AP/dpa
Es war zu schön, um wahr zu sein. Das Wetter lieferte eine spätsommerliche Kulisse. Nach vier Jahren Besatzungszeit befreiten US-amerikanische Soldaten Luxemburg von der Nazi-Herrschaft. Die fünfte Panzerdivision der zwölften Armee überquerte am 9. September 1944 die Grenze bei Petingen. Am Tag darauf war die Hauptstadt befreit. Doch die Freude dauerte nur kurz. Die Angriffswucht der Westalliierten verharrte zeitweilig. Die deutsche Wehrmacht holte zum Gegenschlag aus und startete am 16. Dezember 1944 das Unternehmen „Wacht am Rhein“, die später nach Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt benannte Offensive in den Ardennen, im angloamerikanischen Sprachgebrauch „Battle of the Bulge“.
US-Infanterie in der Ardennenschlacht. Vor 80 Jahren wehrten die Amerikaner die letzte große Offensive der deutschen Wehrmacht ab. Foto: US Army
Adolf Hitler wollte damit den strategisch wichtigen Hafen von Antwerpen zurückerobern und den Treibstoffnachschub der Alliierten unterbinden. Zunächst schien der Plan aufzugehen. Mit ihren letzten Reserven an Kriegsmaterial griffen drei deutsche Armeen die Amerikaner an. Diese waren überrascht, konnten aber die verlorenen Gebiete wieder unter ihre Kontrolle bringen. Zudem spielte für die Wehrmacht das Wetter nicht mehr mit: Es schneite unentwegt und war bitterkalt. Während auf deutscher Seite die Reserven zur Neige gingen, gelang es den Alliierten, Verluste an Soldaten und Material wettzumachen. Der für die USA größten und verlustreichsten Landschlacht des Zweiten Weltkriegs fielen Zigtausende Soldaten zum Opfer, dazu 3.000 Zivilisten. Die Ardennenoffensive endete nach etwa sechs Wochen mit dem Sieg der Alliierten, der Krieg in Europa am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen (nach den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki kapitulierte Japan am 2. September 1945).
Mit dem blauen Koffer in den Bunker
Ich hatte immer mein blaues Köfferchen gepackt. Wenn es wieder so weit war und die Sirenen des Luftalarms alles übertönten, machten wir uns auf den Weg.
Die Mutter des Autors
Der Autor dieser Zeilen kam knapp 22 Jahre später zu Welt. Er wuchs in Südwestdeutschland auf. Der Krieg hat ihn indirekt geprägt – durch die Erzählungen seiner Eltern und Großeltern:
Vor allem von meiner Großmutter und dann von meiner Mutter habe ich viel über den Krieg erfahren – etwa wie die Frauen ihr Überleben und das ihrer Familien organisieren mussten, während ihre Männer als Soldaten an der Front waren. Sie erzählten mir vom Alltag, zu dem auch in der zweiten Hälfte des Krieges die ständige Angst vor den Luftangriffen der Alliierten und das Ausharren in den Bunkern und Luftschutzkellern gehörten. „Ich hatte immer mein blaues Köfferchen gepackt“, erzählte meine Mutter. „Wenn es wieder so weit war und die Sirenen des Luftalarms alles übertönten, machten wir uns auf den Weg.“ Manchmal dauerte es nur eine Stunde, bis die Frauen, Kinder und Alten wieder nach Hause zurückkehrten.
Deutsche Soldaten während der Ardennenoffensive Foto: Bundesarchiv
Während mir meine Mutter, vor allem nachdem meine Großmutter gestorben war, häufig ihre Erinnerungen aus den ersten Jahren ihrer Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit schilderte, schwiegen viele andere der zwischen 1930 und 1945 geborenen „Kriegskinder“ über die belastenden Erfahrungen, die sie gemacht hatten: die Bombenangriffe, die Armut und mangelnde Versorgung, die Abwesenheit der Väter, den Verlust von Angehörigen oder die Flucht. Etwa jedes vierte Kind in Deutschland wuchs in jener Zeit ohne Vater auf. Noch bis 1948 waren Hunderttausende deutsche Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Ein großer Teil von ihnen kehrte bis 1949 heim, die letzten kehrten erst 1956 aus der Sowjetunion zurück.
Mein Großvater kam aus der französischen Gefangenschaft. Zusammen mit einem Kameraden hatte er auf einem Bauernhof arbeiten müssen. Weil er Familienvater mit zwei Kindern war, durfte er früher nach Hause – als Beifahrer auf einem Motorrad quer durch Frankreich bis nach Baden. „Meine Mutter, ihre Schwestern, mein Bruder, meine Kusinen und ich ernteten gerade auf dem Feld Kartoffeln, als wir erfuhren, dass er zurück war“, erzählte meine Mutter. „Wir Kinder rannten ihm entgegen und umarmten ihn. Er war völlig zerlumpt.“ Es war ein Happy End im Gegensatz zu vielen anderen Geschichten, die den Schrecken des Krieges vermittelten.
Erst später berichtete mir meine Mutter von dem Grauen der Nazi-Diktatur: etwa von der Judenverfolgung, von der nur die wenigsten etwas gewusst zu haben vorgaben; davon, wie die Synagoge der einst relativ großen jüdischen Gemeinde nach der Kristallnacht aus dem Ortsbild getilgt wurde; von der Hinrichtung eines polnischen Zwangsarbeiters, den SS-Leute im Wald erschossen, weil er sich mit einer jungen Frau aus dem Dorf eingelassen hatte. Und von der Bombardierung und fast völligen Zerstörung des gut zehn Kilometer entfernten Pforzheim: „Warum leuchtet der Himmel so hell?“, fragte sie meine Großmutter. Es waren die Phosphorbomben, die die britischen Bomber am 23. Februar 1945 über die nordbadische Industriestadt abwarfen.
Die Kriegskinder und ihre Kinder
Nicht nur die aus dem Krieg heimgekehrten Väter waren physisch und psychisch versehrt. Auch den Kriegskindern war viel abverlangt worden, vor allem der Verzicht auf ihre Kindheit. Sie mussten funktionieren sowie diszipliniert, leistungsbezogen und tatkräftig sein. Es waren Eigenschaften, die zum deutschen Wirtschaftswunder der 50er-Jahre passten. Für ihre Traurigkeit gab es hingegen kein Verständnis. „Die vergessene Generation“ heißt ein Buch der Autorin Sabine Bode aus dem Jahr 2004 über die Kriegs- und Flüchtlingskinder, die lange schwiegen und erst Jahrzehnte später ihr Schweigen brachen.
Einige von ihnen berichteten später im Rentenalter von den traumatischen Ereignissen, mit denen sie einst konfrontiert worden waren und die zu Depressionen oder anderen posttraumatischen Belastungsstörungen geführt hatten. Ein Forschungsprojekt der Ludwig-Maximilians-Universität München über die „Europäische Kriegskindheit im Zweiten Weltkrieg und ihre Folgen“ wurde 2003 vom Psychotherapeuten Michael Ermann ins Leben gerufen. Es stellte sich heraus, dass jedes zehnte Kind schwere psychische Folgen davongetragen hatte. Ihre Traumata gaben einige Kriegskinder an ihre Kinder weiter, an die „Kriegsenkel“. Die Journalistin Anne-Ev Ustorf spricht in ihrem Buch „Wir Kinder der Kriegskinder“ (2008) von einer „transgenerationalen Weitergabe“.
Schlachtfeld Ösling. Getötete Soldaten bei der Schlacht in den Ardennen. xxx
Für mich hatte dies zu einer intensiven Beschäftigung mit Themen wie Gewalt und Krieg geführt. Als Jugendlicher interessierte ich mich für Bücher von Autoren wie Norman Mailer, Herman Wouk und Erich Maria Remarque, die sich mit dem Krieg befassten, und sah Antikriegsfilme wie „Apokalypse Now“ (1979), „The Deer Hunter“ (1978), „Platoon“ (1986) und „Full Metal Jacket“ (1987). Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg ist nicht zuletzt der investigativen Recherche von Journalisten zu verdanken. Dabei sei unter anderem Seymour Hersh zu nennen, der das Massaker von My Lai an die Öffentlichkeit brachte, bei dem 504 Zivilisten ermordet worden waren, aber auch der deutsche Historiker Bernd Greiner, der in seinem Buch „Krieg ohne Fronten“ (2007) die exzessive Radikalisierung kriegerischer Gewalt analysierte.
Die Kriegsverbrechen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den Verbrechen, die von Nazideutschland begangen wurden. Zuvorderst sei die Shoah genannt: Etwa sechs Millionen Juden fielen dem Rassenwahn des NS-Regimes zum Opfer. Hinzu kamen andere Opfergruppen wie Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner, Obdachlose, kranke Menschen und Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.
Niemand wollte es gewusst haben, niemand wollte etwas getan haben. Der große Niemand war der Übeltäter.
Die Großmutter des Autors über die Thematisierung des Holocausts
Es hatte Jahrzehnte gedauert, bis es im Land der Täter zu einer breiten Diskussion über die nationalsozialistische Vergangenheit und den Genozid an den Juden kam. Erst die Ausstrahlung der vierteiligen US-Fernsehserie „Holocaust“ von Marvin J. Chomsky im Januar 1979 bewirkte dies. Bis dahin hatte zumeist der Mantel des Schweigens alles erstickt. Wie es meine Großmutter, eine überzeugte Sozialdemokratin, formulierte: „Niemand wollte es gewusst haben, niemand wollte etwas getan haben. Der große Niemand war der Übeltäter.“ Sie erzählte, wie ihr Nachbar, einst lokaler Anführer der Hitlerjugend, nach dem Krieg den fleißigen, rechtschaffenen Bürger spielte – wie es die westdeutsche Gesellschaft der Adenauer-Ära verlangte.
Derweil blieben Sexualverbrechen durch Soldaten der Wehrmacht bis Ende der 90erJahre weitgehend unerforscht. Sexuelle Gewalt gegen Zivilisten wurde weder verfolgt noch dokumentiert. Im Zuge des Eroberungs- und Vernichtungskrieges waren in den besetzten Ländern vor allem Frauen und Mädchen betroffen, die von den Nazis verfolgt und in Arbeits- und Konzentrationslager gesperrt wurden, Jüdinnen ebenso wie Romnja und Sintizze sowie Angehörige des Widerstands.
Massenhaft vergewaltigten auch die Rotarmisten der Sowjetunion bei ihrem Vormarsch deutsche Frauen. Die Historikerin Miriam Gebhardt thematisiert in ihrem Buch „Als die Soldaten kamen: Die Vergewaltigung deutscher Frauen am Ende des Zweiten Weltkrieges“ (2015) vor allem die Vergewaltigungen durch westliche Alliierte. Gebhardt geht von etwa 190.000 Vergewaltigungen durch US-Soldaten aus, 50.000 durch französische Soldaten.
Dem US-Historiker Norman Naimark zufolge waren die französisch-marokkanischen Truppen während der Besetzung Badens und Württembergs ähnlich disziplinlos wie die Rotarmisten in der sowjetischen Besatzungszone. So auch in meinem Heimatdorf, wo ein Großteil der Einwohnerinnen Opfer von Vergewaltigungen wurde. Die Frauen meiner Familie hatte Glück. Eine Gruppe marodierender Soldaten hatte gerade das Haus betreten, als französische Offiziere auftauchten, um dort ihren Befehlsstand zu errichten. Fortan stand das Haus unter ihrem persönlichen Schutz.
Entstehung der Friedensbewegung
Zwar war die Haltung der Deutschen in den Nachkriegsjahren zuerst von „Nie wieder Krieg“ geprägt und das Recht auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen im Grundgesetz verankert. Nichtsdestotrotz wurde 1956 die Wehrpflicht in Westdeutschland eingeführt. Schließlich ging es dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer um die Westintegration der Bundesrepublik in die NATO. Vor allem im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Vietnamkrieg nahm ab 1968 die Anzahl der Wehrdienstverweigerer um ein Vielfaches zu. Eine breite Friedensbewegung gewann aufgrund des Wettrüstens zwischen den Supermächten im Allgemeinen und des NATO-Doppelbeschlusses im Besonderen ab Ende der 70er-Jahre an Zulauf.
Für eine Teilnahme an den großen Friedensdemonstrationen in Bonn, Berlin und Hamburg, die Ostermärsche, Menschenketten und Sitzblockaden Anfang der 80er war ich noch zu jung. Meine Kriegsdienstverweigerung 1986 hatte ich leichtfertig versäumt. Ich rechtfertigte mich damit, dass mein 15 Monate langer Wehrdienst bei den Sanitätern durchaus mit meinem Gewissen vereinbar sei. Allerdings wurde ich, als ich am 1. Oktober 1986 zur Grundausbildung in der Zweiten Kompanie des Zweiten Sanitätsbataillons in der Tannenbergkaserne im hessischen Marburg antrat, schnell eines Besseren belehrt.
Die zweite Kompanie des zweiten Sanitätsbataillon der Bundeswehr im Herbst 1986 in einem hessischen Wald. Der Autor sitzt in der Mitte. Foto: privat
Harter Drill, strenge Disziplin, ständige Schikanen – mit der Bundeswehr und ihren hierarchischen Strukturen hatte ich so meine Schwierigkeiten. Vor allem passte es nicht zu meinem Freiheitsverständnis, gezwungen zu werden, pünktlich jeden Sonntagabend in einer Kaserne anzutreten. Das Schießen mit Gewehr und Pistole war mir zuwider. Erst nach der dreimonatigen Grundausbildung konnte ich meiner Zeit in der Bundeswehr zumindest einen Sinn abgewinnen: Ich wurde in einem sechswöchigen Lehrgang zum Sanitäter und Militär-Krankenpfleger ausgebildet, trat danach meinen Dienst im Bundeswehrkrankenhaus in Gießen an, zuerst im Labor, dann in der Urologie. In meiner Freizeit begann ich anarchistische Literatur zu lesen.
Einmal mussten wir nachts zur Übung ausrücken, als es hieß, die Truppen des Warschauer Paktes seien im Anmarsch. Mit meiner Kompanie nahm ich an NATO-Manövern teil, drei Wochen lang auf dem Truppenübungsplatz Baumholder, inklusive Aufbau eines Feldlazaretts, und eine Woche lang an einer Übung mit Amerikanern und Belgiern im Westerwald, bei der sich die Unteroffiziere, Stabsunteroffiziere und Feldwebel abends vor versammelter Truppe die Kanne gaben und mit den weiblichen GIs die Klamotten tauschten, während wir Sanitätssoldaten mit den Waffen im Anschlag im Kübelwagen Typ 181 eine Lichtung bewachen mussten. Außer Wache schieben mussten wir die Geräte warten, was mir und vielen meiner Kameraden ziemlich sinnlos vorkam.
Vom Militär zum Pazifismus
Mein Militärdienst verschaffte mir zwar einige Freunde und Erfahrung als „Kampf-Sani“ – zum guten Soldaten wurde ich jedoch nicht, obwohl ich meinen meine Bundeswehrzeit als Obergefreiter beendete. Stattdessen wurde ich zum überzeugten Pazifisten. Ich nahm an zahlreichen Anti-Kriegs-Protestaktionen teil, etwa in Luxemburg an der großen Demo gegen den Irakkrieg im Februar 2003. Tiefpunkte der US-Invasion im Irak und dessen Besetzung waren der Abu-Ghuraib-Folterskandal 2004 und das Massaker von Haditha 2005. Der Angriffskrieg der USA und ihrer „Koalition der Willigen“ war ohne Legitimation und ein Bruch des Völkerrechts, was dem Ansehen und der Glaubwürdigkeit der beteiligten Staaten des Westens schwer schadete..
Sanitätssoldaten in ihrer Stube in der Tannenbergkaserne von Marburg während der Grundausbildung 1986. Dritter von links ist der Autor. Foto: privat
Völkerrechtswidrig war auch die russische Annexion der Krim. Rechnet man die kriegerische Eskalation im ostukrainischen Donbass hinzu, herrschen in der Ukraine mehr als zehn Jahre Krieg. Eine „Zeitenwende“ bedeutete nach den Worten des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 – und eine radikale Wende deutscher Sicherheitspolitik. Das „komplette Denkgebäude der klassischen Friedens- und Konfliktforschung“ sei ins Abseits geraten, meint der Politologe Ulrich Menzel in seinem Buch „Wendepunkte: Am Übergang zum autoritären Jahrhundert“ (2023). „Eine Entspannung und Abrüstung gerichtete Außenpolitik wurde über Nacht ad acta gelegt“, schreibt der Soziologe Paul Schäfer, ehemaliger Abgeordneter der Partei Die Linke im deutschen Bundestag. „Die in den Medien und Politikwissenschaft jetzt vorherrschende Position lautet, dass in dieser neuen Welt(un)ordnung kein Platz mehr für romantische Vorstellungen einer wirkmächtigen UNO und einer europäischen Friedensarchitektur sei.“ Auch kein Platz mehr für Pazifismus? Kein „Frieden schaffen ohne Waffen“ mehr?
Die Bedrohung, die von der russischen imperialistischen Eroberungspolitik ausgeht, müsse zwar in Rechnung gestellt werden, so Schäfer in seinem Essay „Friedenspolitik nach der Zeitenwende“ (2024). In der Tat wäre die Ukraine als souveränes Land ohne militärischen Beistand schon untergegangen und müssten ehemalige Satellitenstaaten oder gar Teile der Sowjetunion ohne ihre Nato-Mitgliedschaft noch mehr die russische Bedrohung fürchten. Derweil hat die „alte“ Friedensbewegung keine wirklich neuen Antworten und bleibt in einem ritualisierten Diskurs gefangen. Sie wurde durch die Nachkriegszeit, die Studentenbewegung, den Kalten Krieg und die Entspannungspolitik geprägt. Hoffnungsfroh, fast euphorisch stimmte die unter Michail Gorbatschow einsetzende Abrüstung, die zu verschiedenen Verträgen führte.
Doch die Friedensbewegung hat sich einer Illusion hingegeben. Es wird wieder aufgerüstet. Der Pazifismus steckt in der Sackgasse. Aus dieser kommt er nur, wenn er sich von dem verengenden, moralisierenden Friedensbegriff löst. Der Gründungsvater der Friedens- und Konfliktforschung, der im vergangenen Jahr verstorbene Norweger Johan Galtung, unterschied zwischen einem negativen Frieden als Abwesenheit von Krieg und einem positiven als Fehlen von struktureller und kultureller Gewalt. Zu einem positiven Frieden bedarf es Sicherheitsgarantien für beide Seiten, im jüngsten Fall sowohl für die Ukraine als auch für Russland.
Aber es helfen auch keine historischen Vergleiche, so etwa die Warnung, die Fehler der Appeasement-Politik, wie sie in den 1930er Jahren insbesondere von britischen und französischen Politiker gegenüber Nazi-Deutschland betrieben wurde, zu wiederholen. Auch nicht die Parallelen, die zwischen der Ardennen-Offensive von vor 80 Jahren und dem Krieg in der Ukraine gesehen werden. Die Lehre aus dem damaligen Massensterben lautet: Es darf erst gar nicht mehr so weit kommen. Krieg kann nur eine „ultima ratio“ sein, kein Allheilmittel.
Demonstration gegen den Irakkrieg (2003) Foto: Editpress-Archiv/Isabella Finzi