Tod

Corona-Patienten in Luxemburg müssen oft alleine sterben

Um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus so gering wie möglich zu halten, sind Besucher in Krankenhäusern und Pflegeheimen seit über einem Monat streng verboten. Der Direktor eines Hauses kann eine Ausnahme genehmigen, wenn ein Mensch im Sterben liegt – oft geschieht das aber nicht: Viele Corona-Patienten sterben einsam.

In vielen Kranken- und Pflegehäusern dürfen Angehörige sterbende Corona-Patienten nicht mehr besuchen 

In vielen Kranken- und Pflegehäusern dürfen Angehörige sterbende Corona-Patienten nicht mehr besuchen  Foto: Editpress/Alain Rischard

Als Tante Marie mit ihrer Nichte Monique Rodriguez telefoniert, bekommt sie nur schlecht Luft. Die 87-Jährige hat sich mit dem Coronavirus infiziert und befindet sich zu dem Zeitpunkt im „Centre hospitalier Emile Mayrisch“ (CHEM). „Leg auf und ruh dich aus“, sagt ihre Nichte zu ihr. „Wir sehen uns bald.“ Tante Marie legt auf. Die beiden werden sich nie wiedersehen.

Monique Rodriguez, deren Mutter und Vater früh verstorben sind, hatte zu ihrer Tante Marie und ihrem Onkel Alfred eine Beziehung wie zu den eigenen Eltern. Als ihre Tante im Sterben liegt, darf sie sich nicht mehr verabschieden. Die Sicherheitsmaßnahmen der Krankenhäuser untersagen einen Besuch – selbst dann, wenn sich das Leben des Patienten dem Ende zuneigt.

Tante Marie stirbt zum Glück nicht ganz alleine. Ihr Mann Alfred, der sich selbst mit dem Virus angesteckt hat, teilt ein Zimmer mit seiner Frau. Obwohl er selbst schwer krank ist, hält er ihre Hand und streicht ihr sanft über die Wange, als sie ihren letzten Atemzug nimmt. „Das hat er mir kurz nach ihrem Tod am Telefon erzählt“, sagt Monique Rodriguez.

Onkel Alfred bleibt alleine

Onkel Alfred hat das Virus zwar besiegt, ist aber jetzt einer ganz anderen Belastung ausgesetzt. Er ist alleine. Seit einem Monat hat er seine Familie nicht mehr gesehen. Nach dem Krankenhausaufenthalt wird er ins Behandlungszentrum nach Kolpach verlegt, inzwischen ist er in einem Pflegeheim. „Ich versuche, mit ihm zu telefonieren, aber es ist nicht einfach. Er ist sehr durcheinander“, sagt Monique Rodriguez. Dabei würde sie ihren Onkel gerne sehen – ihm zeigen, dass noch jemand da ist, der sich um ihn sorgt. Es sei ein komisches Gefühl, das nicht tun zu dürfen, wiederholt sie immer wieder.

Monique und ihr Mann Americo konnten sich nicht mehr von Tante Marie verabschieden. Das Personal des CHEM hat ihnen gesagt, es sei nicht mehr möglich, sie zu sehen. Auch nicht nach ihrem Tod. „Sie haben uns angeboten, ein Foto von Tante Maries Leiche zu schicken. Das haben wir abgelehnt.“ Das Paar wollte Tante Marie so in Erinnerung behalten, wie sie war. Die Habseligkeiten, die sie im Krankenhaus dabei hatte, wurden entsorgt.

Dr. Michel Clees ist Gynäkologe in Esch und seit einem Jahr Präsident der Ethikkommission des CHEM. Er bezeichnet es als eine Katastrophe, dass die Angehörigen sich nicht von ihren Liebsten verabschieden können. Das sei auch eine enorme Belastung für das Krankenhauspersonal, das einem sterbenden Patienten als Einzige beistehen kann. „Die Pandemie als Großschadensereignis ist für Mitarbeiter in den Notfall-, Isolier- und Intensivbereichen potenziell traumatisierend“, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin in ihren Empfehlungen zur psychosozialen und spirituellen Unterstützung in Zeiten von Covid-19. Die psychischen Konsequenzen für Ärzte und Pfleger werden sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen.

Anweisungen des Gesundheitsministeriums

Obwohl sich die Ethikkommission des CHEM bewusst ist, welchen Einfluss das Besuchsverbot auf die Psyche des Krankenhauspersonals, der Angehörigen und auch der Schwerkranken hat, könne sie nichts daran ändern. Angehörigen dieselbe Schutzkleidung zur Verfügung zu stellen wie dem Krankenhauspersonal, um einen letzten Besuch zu ermöglichen, werde im CHEM nicht gemacht. „Wir folgen den Anweisungen des Gesundheitsministeriums“, sagt Dr. Michel Clees. Die würden nun einmal besagen, dass Besucher wegen des Ansteckungsrisikos im Krankenhaus verboten sind.

Das steht wohl so in den Vorschriften, bestätigt Laura Valli, Pressesprecherin von Gesundheitsministerin Paulette Lenert. Darin stehe aber auch, dass der Direktor des Krankenhauses oder des Pflegeheims im Ausnahmefall eine Ausnahmeregelung gelten kann. „Wenn jemand im Sterben liegt, ist das eine solche Ausnahme“, sagt Valli. Viele Häuser, das CHEM eingeschlossen, erstatten diese Ausnahmegenehmigung jedoch nicht.

Laut Dr. Michel Clees trifft sich die Ethikkommission des CHEM in der Krisenzeit jede Woche. In den einzelnen Sitzungen sei das Thema des Abschieds häufig durchdiskutiert worden. „Niemand kennt das Virus. Selbst wenn ich könnte, würde ich die Verantwortung dafür nicht übernehmen wollen, jemanden zu dem Patienten zu lassen und damit einer Ansteckungsgefahr auszusetzen“, sagt Clees. Er fügt hinzu, dass Corona-Patienten, die im Sterben liegen, entstellt seien. Nach tagelanger Bauchlage und einem Erstickungstod sei ihr Gesicht aufgelaufen und es könnten sich Nekrosen bilden. Auch reden könnten sie nicht mehr, berichtet der Arzt. Bei ihrem Ableben dabei zu sein, könnte also auch Traumata bei den Angehörigen auslösen.

„Patiente Vertriedung Asbl.“ fordert Eingriff

Die „Patiente Vertriedung Asbl.“ kritisierte diese Einstellung gestern in einem offenen Brief an die Gesundheitsministerin. Der Vereinigung würde immer wieder von Fällen berichtet, in denen Angehörigen der Abschied von einem sterbenden Familienmitglied verwehrt wurde. „Sterben macht Angst, alleine sterben zu müssen ist unmenschlich“, schreibt die Asbl. und appelliert an Paulette Lenert, bei den zuständigen Instanzen einzugreifen, damit auch in Krisenzeiten das Besuchsrecht sowie die Begleitung sterbender Menschen gesichert werden könnten.

Jeanne Chomé ist seit 23 Jahren Psychotherapeutin und Trauerbegleiterin bei „Omega 90 Asbl.“. Derzeit betreut sie die Hotline der Regierung zur psychologischen Unterstützung der Bevölkerung während der Krise. „Die Chance, sich von einem geliebten Menschen zu verabschieden, hilft dem Trauerprozess ungemein“, sagt sie. Am Ende eines Lebens sei es dann vor allem der physische Kontakt, der am wichtigsten sei. Das Halten der Hand und das Streicheln über die Wange, wie Alfred es bei seiner Frau Marie getan hat.

Ein plötzlicher Verlust ohne Abschied verlängere den Trauerprozess. Bei den Angehörigen kämen dann häufig Schuldgefühle auf. Das Gefühl, dass sie nicht mehr all ihre Liebe geben konnten, sei sehr schmerzhaft. Chomé hört immer wieder, dass Angehörige das Gefühl haben, den Verstorbenen im Stich gelassen zu haben. „Das sind zwar irrationale Gedanken – aber sie sind da“, sagt die Psychotherapeutin.

Wenn den Angehörigen der Besuch verwehrt wird, könnten Ärzte und Pflege als Medium für physischen Kontakt dienen. „Es kann helfen, sie darum zu bitten, an eigener Stelle die Hand des geliebten Menschen zu halten“, sagt Chomé. Auch wenn das wiederum eine Herausforderung für das Krankenhauspersonal darstellt. Fotos und Videochats können helfen, wenn respektvoll damit umgegangen wird. „Das alles ersetzt aber nie den Körperkontakt oder die Solidarität, die bei einer Trauerfeier mit etwa 30 Menschen entsteht“, betont sie.

Ein plötzlicher Verlust ohne Abschied verlängert den Trauerprozess

Jeanne Chomé

Psychotherapeutin und Trauerbegleiterin bei „Omega 90“

Wäre Tante Marie zwei Wochen später gestorben, hätten Monique und ihr Mann Americo Rodriguez sich zumindest nach ihrem Tod von ihr verabschieden können. Denn an diesem Dienstag, dem 14. April 2020, hat das Gesundheitsministerium eine neue Anordnung für den Umgang mit den sterblichen Überresten von Corona-Patienten veröffentlicht. Demnach dürfen sich zwei Personen nach dem Ableben des Infizierten unter strengen Auflagen von dem Verstorbenen verabschieden. Das ist seitdem auch im CHEM erlaubt.

„Die Zeitspanne, in der das möglich ist, ist sehr kurz“, sagt Thierry Graul, Geschäftsführer des Bestattungsunternehmens Maison Platz und Präsident der „Fédération des entreprises de pompes funèbres et de crémation“. Die Leichen von Corona-Patienten müssen in eine spezielle Hülle gelegt werden. Sobald diese verschlossen ist – also bevor der Verstorbene vom Zimmer in die Leichenhalle gebracht wird – darf sie nicht wieder geöffnet werden. Bestattungsunternehmen dürfen die Verstorbenen weder anziehen noch schminken, wie das sonst der Fall ist.

Thierry Graul beobachtet in diesen Zeiten, wie schwer es den Menschen fällt, sich nicht richtig verabschieden zu können. „Es ist nicht einfach für sie, dass nur zehn Angehörige bei der Bestattung zugelassen sind“, sagt er. Am schlimmsten seien Situationen, in denen der Partner des Verstorbenen in Quarantäne bleiben muss und nicht an der Bestattungszeremonie teilnehmen kann. „Wir versuchen, eine Teilnahme über Facetime zu ermöglichen, aber das ist extrem emotional und nicht einfach für unsere Mitarbeiter“, so Graul.

Schwer zu begreifen

In Krematorien würden derzeit überhaupt keine Zeremonien abgehalten. „Das ist für die Angehörigen nur schwer zu begreifen“, sagt Thierry Graul. Eine Verpflichtung, Menschen, die am Coronavirus gestorben sind, einzuäschern, wie zum Beispiel beim Ebolavirus, gebe es nicht. Der Körper eines Corona-Patienten ist, laut Graul, 24 Stunden nach seinem Ableben nicht mehr kontaminiert.

Für ausländische Mitbürger bestehe derzeit auch keine Möglichkeit, ihre Verstorbenen für eine Bestattung in ihr Heimatland zu bringen. Um die eigenen Mitarbeiter zu schützen, tätige die Maison Platz zurzeit keine Transportfahrten, die nicht innerhalb eines Tages gemacht werden können. Hotels und Raststätten seien schließlich zu.

Die Zusammenarbeit innerhalb der „Fédération“ funktioniere derweil sehr gut. Konkurrenz gebe es keine. Was die Vorbereitung auf eine größere Welle an Toten angeht, hält sich der Präsident zurück. „Wir sind davon ausgegangen, dass es in Luxemburg nicht so schlimm wird wie im Ausland“, sagt er. Trotzdem stelle sich jetzt die Frage, wie es mit den Lockerungen weitergehen wird. Graul ist der Meinung, dass die erste Infektionswelle noch nicht vorbei ist. „Es sind immer mehr Altersheime quer durchs ganze Land betroffen“, sagt er besorgt.

In einem der Altersheime sitzt Onkel Alfred. „Ich habe gefragt, ob ich ihm wenigstens durchs Fenster winken kann“, sagt Monique Rodriguez. Die Antwort des Heimes lautet Nein, sein Zimmer liege im Hinterhof. Wie lange der 90-Jährige noch alleine bleiben muss, weiß niemand. 

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