Liser-Untersuchung
„Bei der relativen Armut liegt Luxemburg über EU-Durchschnitt“
Als „‚race’ between the middle and the bottom“ bezeichnen die Forscher Alessio Fusco (Liser) und Philippe Van Kerm (Uni Luxemburg) in ihrer rezent veröffentlichten Untersuchung die Entwicklung des Armutsrisikos in Luxemburg. Daraus geht hervor, dass die relative Armut in Luxemburg in den letzten 40 Jahren stärker gestiegen ist als in anderen europäischen Ländern. Und dass vom hohen Wirtschaftswachstum die Oberschicht wesentlich stärker profitiert hat als Geringverdiener.
Alessio Fusco forscht seit über 20 Jahren zu Einkommen und Armut am Luxembourg Institute of Socio-Economic Research, das bis 2014 CEPS/Instead hieß Foto: Editpress/Alain Rischard
Tageblatt: In Ihrer Studie haben Sie herausgefunden, dass die Armutsgefährdungsquote in Luxemburg trotz hohen Wirtschaftswachstums von neun bis zehn Prozent im Jahr 1985 auf über 18 Prozent im Jahr 2023 gestiegen ist, stärker als in anderen vergleichbaren EU-Staaten. Was ist in den vergangenen 40 Jahren schiefgelaufen?
Alessio Fusco: In dieser Studie haben wir die Entwicklung der Armutsgefährdungsquote in Luxemburg über vier Jahrzehnte hinweg analysiert. Der Schwellenwert dieser Quote liegt bei 60 Prozent des Medianeinkommens, also des Einkommens, das genau in der Mitte der Verteilung liegt. Die Ergebnisse zeigen, dass zwar alle Bevölkerungsschichten vom starken Wirtschaftswachstum profitiert haben, die niedrigsten Einkommen jedoch weniger schnell gestiegen sind als die höchsten. Seit 1985 sind die niedrigen Einkommen um etwa 50 Prozent gestiegen, das Medianeinkommen hat sich fast verdoppelt und die hohen Einkommen sind um 110 Prozent gestiegen. Ich würde also nicht sagen, dass etwas schiefgelaufen ist, sondern vielmehr, dass die Zahl der Menschen, die weit vom Medianeinkommen entfernt sind – also diejenigen, die von Armut bedroht sind –, gestiegen ist.
Wieso haben die hohen Einkommen stärker vom Wirtschaftswachstum profitiert als die niedrigen?
Das Wirtschaftswachstum hat höher qualifizierte und besser bezahlte Arbeitskräfte angezogen, insbesondere im Finanz- und Dienstleistungssektor. Diese Arbeitskräfte haben das Wachstum angekurbelt, was wiederum ihre Löhne in die Höhe getrieben hat – schneller als die Gehälter derjenigen am unteren Ende der Verteilung.
In den letzten 40 Jahren sind aber auch viele Menschen mit niedrigem Einkommen nach Luxemburg eingewandert.
Die Situation ist natürlich differenzierter und tatsächlich spielt die Zusammensetzung der Bevölkerung eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Armutsrisikos. Unsere Simulationen zeigen, dass die Armut kaum zugenommen hätte, wäre die Zusammensetzung der Bevölkerung unverändert geblieben. Die Zuwanderung von Menschen mit niedrigem Einkommen – oder genauer gesagt mit geringem Bildungsniveau – ist ein weiterer Faktor, der den Anstieg der Armutsgefährdungsquote erklärt.
Seit 1985 sind die niedrigen Einkommen um 50 Prozent gestiegen, das Medianeinkommen hat sich verdoppelt und die hohen Einkommen sind um 110 Prozent gestiegen
Eigentlich beschreiben Sie in Ihrer Untersuchung den Anstieg der Ungleichheiten, gebrauchen diesen Begriff jedoch nicht. Wieso nicht?
Relative Einkommensarmut und Ungleichheit sind unterschiedliche Konzepte. Das eine misst den Anteil der Personen am unteren Ende der Einkommensverteilung, die unter einer bestimmten Schwelle liegen, das andere berücksichtigt die gesamte Verteilung. Beide Konzepte werden jedoch manchmal als eng miteinander verbunden angesehen. Wir dokumentieren hier speziell die relative Armut, die in Luxemburg stärker gestiegen ist als in den fünf anderen europäischen Ländern, die wir zum Vergleich heranziehen. In Frankreich beispielsweise ist sie in den vergangenen 40 Jahren stabil geblieben.
In Ihrer Untersuchung haben Sie herausgefunden, dass bestimmte Personengruppen in höherem Maße vom Armutsrisiko betroffen sind. Um welche Gruppen handelt es sich?
Bei den unter 20-Jährigen liegt die Armutsgefährdungsquote über dem Durchschnitt und beträgt seit 2008 mehr als 20 Prozent. Bei älteren Menschen ist sie seit den 1990er Jahren hingegen zurückgegangen. Das Alter ist jedoch nicht die Hauptursache für das Armutsrisiko. Zu den Risikogruppen zählen Alleinerziehende, Frauen, Personen ohne Hochschulabschluss und Nicht-Luxemburger. In bestimmten Altersgruppen kann das Armutsrisiko bei den Gruppen, die diese Merkmale vereinen, mehr als 250 Prozent über dem nationalen Durchschnitt liegen. Bereits 1985 waren diese Risikogruppen bei Kindern zu finden. Seitdem haben sie sich auf alle Altersgruppen ausgeweitet.
Wieso sind jüngere Menschen stärker armutsgefährdet als Rentner?
Wir haben in unserer Studie aufgezeigt, dass die Renten schneller gestiegen sind als andere Einkommen. Das hat dazu beigetragen, das nationale Medianeinkommen und damit die Armutsgrenze anzuheben. Unsere Simulationen legen nahe, dass die Armutsquote junger Menschen heute um etwa fünf Prozentpunkte niedriger wäre, wenn die Renten genauso stark gestiegen wären wie andere Einkommen. Das ist keine Kritik an der Rentenpolitik, sondern ein Beispiel dafür, dass in einem System relativer Armut die Verbesserung der Situation einer Gruppe statistisch gesehen die einer anderen verschlechtern kann.
Anders als in Luxemburg ist in Frankreich die relative Armut in den vergangenen 40 Jahren stabil geblieben Grafik: Liser
Neben der Armutsgefährdungsquote berechnet das Statec seit einigen Jahren noch andere Indikatoren, beispielsweise zu materieller und sozialer Deprivation, das Referenzbudget, die anhaltende oder mehrdimensionale Armut, die die Armutsrate sinken lässt. Gibt die Armutsgefährdungsquote, auf die Sie sich in Ihrer Untersuchung berufen, ein verzerrtes oder falsches Bild der Armutslage in Luxemburg wieder?
Armut ist ein komplexes und vielschichtiges Phänomen. Es gibt verschiedene Methoden, sie zu messen, sei es anhand monetärer oder nicht monetärer, relativer oder eher absoluter Ansätze. Was die relative monetäre Armut betrifft, die Gegenstand unserer Untersuchung ist, liegt die Quote in Luxemburg über dem europäischen Durchschnitt. Bei der schweren materiellen Deprivation weist Luxemburg hingegen eine Quote von etwa zwei bis drei Prozent auf, eine der niedrigsten in der EU. Die Armutsgefährdungsquote vermittelt kein verzerrtes Bild; sie zeigt, dass es Menschen gibt, die weiter vom Medianeinkommen entfernt sind. Dies stellt ein potenzielles Risiko finanzieller Schwierigkeiten dar, das es zu beobachten gilt.
Der luxemburgische Arbeitsmarkt ist segmentiert: auf der einen Seite hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze, auf der anderen geringqualifizierte Jobs, bei denen der Wettbewerb mit Grenzgängern stark ist
Die Regierung hat vor einigen Monaten einen nationalen Aktionsplan zur Armutsbekämpfung vorgelegt. Reichen die darin enthaltenen Maßnahmen Ihrer Ansicht nach aus, um das Armutsrisiko zu senken?
Das wird die Zukunft zeigen. Es ist bereits positiv zu bewerten, dass die Regierung einen solchen Plan ausgearbeitet hat. Das Liser hat diesen Prozess übrigens wissenschaftlich begleitet. Unsere Veröffentlichung schließt mit dem Hinweis auf den notwendigen Policy-Mix im Kampf gegen die Armut – kurzfristige Maßnahmen zur Stärkung der Einkommensuntergrenze sowie langfristige Investitionen in Bildung und Kinderbetreuung. Viele Maßnahmen des nationalen Aktionsplans gehen in diese Richtung. Die Tatsache beispielsweise, dass der kürzlich angekündigte „complément de vie chère“ nur einmal beantragt werden muss und den Revis-Empfängern automatisch ausgezahlt wird, beseitigt ein Element der Stigmatisierung und sorgt für Vereinfachung. Positiv ist auch, dass der Plan eine Evaluierung vorsieht, um zu verstehen, was funktioniert und was nicht.
Bei den Working Poor, den Menschen, die trotz Arbeit armutsgefährdet sind, liegt Luxemburg europaweit an erster Stelle. Im nationalen Aktionsplan kommen diese Menschen nicht vor. Wie erklären Sie sich das?
Es stimmt, dass Arbeit heute weniger Schutz vor Armut bietet als früher, doch wir haben dieses Phänomen in unserer Studie nicht speziell untersucht. Der luxemburgische Arbeitsmarkt ist unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass er segmentiert ist: auf der einen Seite hochqualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze, auf der anderen Seite geringqualifizierte Arbeitsplätze, bei denen der Wettbewerb mit Grenzgängern – die in unseren Statistiken nicht erfasst sind – stark ist. Man muss auch bedenken, dass die Armutsgrenze in Luxemburg im Vergleich zu den Nachbarländern sehr hoch ist – gerade weil das Medianeinkommen hier höher ist.
Gewerkschaften und linke Parteien kritisieren, dass es statt einer Almosenpolitik strukturelle Reformen wie eine Erhöhung des Mindestlohns und steuerliche Umverteilung bräuchte. Wären solche Reformen in Ihren Augen effizienter?
Eine Erhöhung des Mindestlohns hätte wahrscheinlich einen mechanischen Effekt, da sie die Niedriglöhne direkt anheben würde. Ihre Gesamtwirkung auf die Armutsbekämpfung bliebe jedoch wegen ihrer Auswirkungen auf andere Variablen wie die Beschäftigung ungewiss. Was die Umverteilung betrifft, scheint die gezielte Ausrichtung wichtig zu sein. Bei gleichem Budget sind gezielte Transferleistungen an Haushalte mit niedrigem Einkommen wirksamer als universelle Leistungen – vorausgesetzt, man beherrscht die Nichtinanspruchnahme, die Stigmatisierung und die negativen Anreize zur Arbeit.