Projekt Alpha
Alphabetisierung auf Französisch spaltet Luxemburgs Bildungslandschaft
Die Möglichkeit einer Alphabetisierung auf Französisch, Anfang Dezember mit großer Mehrheit im Parlament angenommen, soll das Bildungssystem gerechter gestalten, indem es an die sprachliche Realität des Landes angepasst wird. Doch wie so oft läuft die Politik der Gesellschaft hinterher.
Die Vielfalt und Mehrsprachigkeit ist ein luxemburgisches „Alleinstellungsmerkmal“ und ein Standortvorteil, aber auch eine ständige Herausforderung für das hiesige Schulsystem Illustration: Tageblatt/Kim Kieffer
Claudia ist schwer zu überzeugen. „Für uns ist der Zug abgefahren“, sagt die zweifache Mutter, als sie nach der Meinung zur sogenannten Alpha-Reform gefragt wird. Ihr Sohn Maurizio hatte sich bei der Einschulung mit Deutsch immer schwergetan. „Das hat ihn bis zum Lycée verfolgt“, sagt sie. „Mit seinen Fähigkeiten etwa in Mathematik wäre er sicher ins klassische Lyzeum gekommen. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass er im Lycée général ohne Probleme durchkam.“ Was bei Clara nicht der Fall war: Die Tochter portugiesischer Eltern war in der Luxemburger Schule gescheitert und besuchte danach das Lycée in Arlon. Ihr Vater meint: „Die Mehrsprachigkeit ist eine große Stärke Luxemburgs. Doch wer nicht damit klarkommt, hat im schlimmsten Fall keinen Schulabschluss.“
Vor allem Kinder aus franko- und lusophonen Haushalten kämpfen mit der deutschen Sprache, während etwa Schüler aus deutschsprachigen und skandinavischen Familien im Sekundarunterricht mit Französisch hadern. So wie etwa die Kinder einer schwedischen Familie, die allesamt ins Schengen-Lyzeum nach Perl überwechselten. Oder die 14-jährige Noémie, die nach einer langen Tortur im Grundschulunterricht froh war, in der Sekundarstufe angekommen zu sein, „ohne eine Hürde gerissen zu haben“, wie sie sagt.
Die Einführung der Möglichkeit der Alphabetisierung auf Französisch wirft ihre Schatten voraus. Doch Bildungsminister Claude Meisch (DP) sieht darin gute Chancen, dem Ziel von mehr Bildungsgerechtigkeit näherzukommen. Aus dem dreijährigen Pilotprojekt „Alpha – zesumme wuessen“ (seit 2022) wird also ab dem Schuljahr 2026/27 die gesetzlich verankerte Möglichkeit, dass Eltern fürs darauffolgende Schuljahr eine Alphabetisierung ihrer Kinder auf Französisch wählen können, zunächst im Zyklus 1.2, danach schrittweise in weiteren Zyklen. Dazu bedarf es jedoch mehr Aufwand, neuer Klassenräume und neuer Lehrkräfte. Doch genügend qualifiziertes Personal ist Mangelware.
Umstritten trotz Parlamentsmehrheit
Das Projekt Alpha und die Verabschiedung des entsprechenden Gesetzes im Parlament wurde von einer deutlichen Mehrheit der Abgeordneten getragen: Für die Reform stimmten die Regierungsparteien CSV und DP sowie LSAP, „déi gréng“ und „déi Lénk“ gestimmt, während sich die ADR dagegen aussprach und sich die beiden Piraten-Abgeordneten enthielten. Meisch nannte das Projekt eine grundlegende wie auch notwendige Anpassung an die Realität des Landes und der Klassenzimmer – in zwei von drei Familien wird weder Luxemburgisch noch Deutsch gesprochen. Es ziele darauf ab, das hiesige Schulsystem gerechter zu machen. Die Eltern hätten nun die freie Wahl, in welcher Sprache ihre Kinder künftig lesen, schreiben und rechnen lernen.
Trotzdem ist die Reform umstritten: Kritiker monieren fehlende Langzeitstudien und befürchten eine stärkere Segmentierung nach Sprachgemeinschaften. Unter anderem die „Association générale des professeurs de l’enseignement secondaire et supérieur“ (Agess) äußerte Zweifel. Allerdings wird die Kritik von dem Unterton begleitet, als wollten sich die Schüler, die mit der jetzigen Situation nicht klarkommen, nicht anstrengen. Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, würde zu mangelnder Resilienz führen, lautete das konservative Credo. Doch darum ging es bei der Begründung für Alpha gar nicht. Der Grund für die Reform sind die bestehenden ungleichen Startbedingungen. Verschiedene Voraussetzungen, die Schüler im hiesigen Bildungssystem haben, gibt es in mehrfacher Hinsicht: Nicht etwa die Vielfalt an Nationalitäten und Sprachen ist problematisch, sondern vor allem die Herkunft aus unterschiedlichen sozioökonomischen Milieus, Bildungsnähe oder Bildungsferne. Das heißt: Bildungsgerechtigkeit entscheidet sich nicht per se entlang der Sprachgrenzen, sondern ist nicht zuletzt eine sozialpolitische Frage.
Kritiker führen an, das Luxemburger Schulsystem sei zersplittert wie noch nie zuvor. Der Ausbau von Europaschulen und die Förderung des Französischen hätte das bisherige Modell systematisch unterhöhlt. Meisch zerlege das Schulsystem, heißt es etwa im Luxemburger Wort, das Meisch einen Alleingang vorwirft. Alpha bringe es zum Wanken. Im Wort-Interview nannte der Historiker Mike Richartz die Einführung der Alphabetisierung auf Französisch eine „Atombombe“. Der Erwerb der Schriftsprache sei im Deutschen „wegen der transparenten Graphem-Phonem-Korrespondenz“ viel einfacher als im Französischen.
Mehrsprachigkeit und Sprachbarrieren
Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Sprachbarrieren sich seit jeher als eine Hürde für Schüler erwiesen: Während für die einen Schüler Deutsch in der Grundschule unüberwindbar erschien, ist für die anderen, und dazu gehört auch der Großteil der luxemburgischen Schüler, die aus Familien kommen, in denen Luxemburgisch gesprochen wird, im Sekundarschulunterricht Französisch bestenfalls ein „notwendiges Übel“. Nicht wenige entwickelten eine regelrechte Abneigung gegen die Sprache Voltaires.
Einige befürchten nun, dass Deutsch allmählich aus dem Schulsystem verschwindet. Andere halten Meischs Rechnung, dass die Reform zum Rückgang der Klassenwiederholungen führt, für zu optimistisch, etwa die „Chambre de Commerce“. In die Reform sind die bisher in vier Pilotprojekten an Schulen in Differdingen, Düdelingen, Fels und Schifflingen gemachten Erfahrungen eingeflossen, wo die Eltern von 144 Schülern die Möglichkeit hatten zu wählen, ob ihr Kind in Deutsch oder Französisch lesen, schreiben und rechnen lernen soll.
Wiederum andere sehen nun generell die Mehrsprachigkeit in Luxemburg in „akuter Gefahr“, wie das Syndikat „Erzéihung a Wëssenschaft“ des OGBL (SEW). Die Mehrsprachigkeit gelte als Alleinstellungsmerkmal und sei ein sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Mehrwert, der im öffentlichen Bildungssystem aktiv geschützt und gefördert werden müsse. „Die aktuellen Reformen drohen, diese Stärke zu untergraben, indem sie Sprachen nicht zusammenführen, sondern voneinander trennen“, lautet die Reaktion des SEW.
Die Lehrergewerkschaft warnt vor einer „zunehmenden Fragmentierung des Schulwesens“ und nennt außerdem den „exzessiven Bau von öffentlichen Europaschulen mit ihren jeweiligen Sprachsektionen“ sowie das Pilotprojekt einer deutschsprachigen Sektion im klassischen Sekundarunterricht, die die Mehrsprachigkeit negativ beeinflussen würden. Die Reformen stellten einen „tiefgreifenden Eingriff in das traditionelle luxemburgische Bildungssystem“ dar und gefährdeten „langfristig die sprachliche Kohäsion der Gesellschaft“.
„Unbedachte Weichenstellung“
Eine „unbedachte Weichenstellung“ nennt der Soziologe Fernand Fehlen im Lëtzebuerger Land die Entscheidung und erklärt, warum die Alphabetisierung auf Französisch „den sprachpolitischen und bildungssoziologischen Herausforderungen“ nicht gerecht werde. Der Autor blickt zurück auf ein „halbes Jahrhundert Diskussionen um die Einführung zweier paralleler Alphabetisierungsstränge“, denen nun ein vorläufiges Ende gesetzt werde. Angesichts der bevorstehenden Umsetzung des Alpha-Projekts dürften die Diskussionen jedoch alles andere als an einem Ende angekommen sein. Abgesehen davon, dass die Reform ständig überprüft werden soll, hängt vieles von deren Umsetzung ab. Entscheidend ist, dass die deutsche und französische Gruppe einer Klasse zusammenbleiben. In diesen bleibt Luxemburgisch die gemeinsame Sprache. Nicht ganz nachzuvollziehen ist allerdings, wie es reibungslos funktionieren soll, dass die beiden Gruppen im vierten Grundschulzyklus wieder in den Sprachen zusammengeführt werden sollen.
Wer eine Abwertung des Luxemburgischen befürchtet, liegt falsch. Als Integrationssprache bleibt es bestehen oder wird sogar aufgewertet. Was wiederum den vor allem von der ADR geschürten Befürchtungen, dass die luxemburgische Identität bedroht sei, die Grundlage nimmt. Wie Fehlen aufzeigt, hat sich das Luxemburgische seit dem Sprachengesetz von 1984 als Schrift- und Kultursprache verstärkt weiterentwickelt. Er hält die Alpha-Reform zudem für halbherzig. Sie bleibe „in dem engen Korsett luxemburgischer Alltagsvorstellungen gefangen“. Eine Abkehr von der traditionellen Dreisprachigkeit sei für sie undenkbar, die Erfahrungen in den neuen öffentlichen Europaschulen fänden genauso wenig Beachtung wie die seit 25 Jahren diskutierte Alphabetisierung in luxemburgischer Sprache. Das verabschiedete Gesetz bleibe dem Geist der 1980er Jahre verhaftet.
Die Ausländerhilfsorganisation ASTI hatte im Vorfeld der Parlamentsdebatte in einer Stellungnahme ihre Sorge um die Rolle des Französischen in Luxemburg zum Ausdruck gebracht, über ihren „fortschreitenden Rückgang in mehreren Bereichen“ wie Bildung, Verwaltung und Medien, und ein „Ungleichgewicht in unserem sprachlichen Ökosystem“. Französisch spiele eine Schlüsselrolle bei der Integration. Seine Schwächung – gerade in einer Zeit, in der seine Bedeutung zunimmt – sei ein besorgniserregendes Paradox. Umso mehr hat die ASTI die Alpha-Reform begrüßt als einen „wichtigen Schritt, um der zunehmenden Vielfalt der Schüler in Luxemburg gerecht zu werden“. Sie weist außerdem darauf hin, dass die Einheit der Klassen dadurch nicht in Frage gestellt würde: Die Umsetzung der Reform ab dem Schuljahr 2026/27 hält sie nicht etwa für verfrüht, sondern „für zu viele Schüler bereits zu spät“. Nichtsdestotrotz stelle sie einen großen Fortschritt für kommende Generationen dar.