Kommentar
Zum Anschlag am Berliner CSD: Pauschalisierungen sind fehl am Platz
Am Rande des Umzugs zum Christopher Street Day (CSD) in Berlin wurde einer der schwersten LGBT+-feindlich motivierten Anschläge verübt. Eine Frau wurde ermordet, zahlreiche Menschen schweben in Lebensgefahr. Bei der Wut und Trauer, die wir empfinden, ist es wichtiger denn je, einen klaren Kopf zu behalten, Pauschalisierungen zu vermeiden und sich denen entgegenzustellen, die versuchen, diese Tragödie zu instrumentalisieren und einfach gestrickte „Lösungen“ zu bieten.
Foto: dpa/Christoph Soeder
Plötzlich springen rechte Populisten auf den Trauerzug auf und zeigen ein erstaunliches Engagement zur Bekämpfung von Extremismus, während sie sich an jedem anderen Tag im Jahr bei Angriffen gegen LGBT+-Personen entweder in elegantes Schweigen hüllen oder gar selber beispielsweise die „Vernichtung von LGBT“ für eine gute Idee halten. Ersteres wäre wohl der Fall gewesen, wenn es sich beim Täter um einen weißen Cis-Mann gehandelt hätte – bei einem in Deutschland geborenen Deutschen, dessen „Wurzeln“ aber nicht rein germanisch sind, sieht die Lage anders aus. Schnell wird über „nicht kompatible Kulturkreise“ philosophiert und „Remigration“ gefordert. Was hier passiert, ist vorhersehbar: Nicht nur werden Personen muslimischen Glaubens unter Generalverdacht gestellt, sondern pauschal als „Fremde“ dargestellt, als sei „der“ Islam „von außerhalb“, von Migranten importiert und bis vor wenigen Jahren nie in unseren Gefilden präsent gewesen.
Zugleich ist es wichtig, die Fakten zu benennen: Queerfeindlichkeit unter dem Deckmantel der religiösen Legitimierung, Radikalisierung, Gewalt. So wie es falsch ist, muslimische Glaubensangehörige als Monolith zu sehen und als Gefahren für die Demokratie zu bezeichnen, stellt sich die Frage nach dem Umgang der Autoritäten mit der Präsenz von islamistischen – nicht gleichzusetzen mit muslimischen – Gruppierungen.
Die Extremisten in Berlin bewegen sich zu frei
Dr. Hudhaifa Al-Mashhadani
Gleich nach dem Anschlag schrieb der Journalist Eren Güvercin, Mitgründer der Alhambra-Gesellschaft, die als liberale Gruppe im muslimischen Spektrum gilt: „Als Muslim beschämt mich das. Der Anschlag auf den CSD in Berlin ist nicht der erste islamistische Angriff auf queere Menschen – und trotzdem reden wir zu wenig über Islamismus und Queerfeindlichkeit. Wir als Community müssen das endlich klar benennen und bekämpfen.“ Auch Dr. Hudhaifa Al-Mashhadani, Dekan der Deutsch-Arabischen Säkularen Schule Ibn Khaldun, verurteilte die Tat und schrieb unter anderem: „Gerade in schwierigen Zeiten müssen wir als Gesellschaft zusammenstehen und uns entschieden gegen Hass, Radikalisierung und jede Form des Extremismus stellen.“
Das sind nur Beispiele von Institutionen und Akteuren, die sich ebenfalls mehrfach gegen den politischen Islam ausgesprochen und vor Einflussnahme aus dem Ausland, unter anderem vom Erdogan-Regime, und den daraus resultierenden Gefahren für die Demokratie in Europa gewarnt haben. Mittlerweile mehrt sich auch Kritik am Schweigen muslimischer Dachverbände in Deutschland. In Luxemburg fand im Rahmen der diesjährigen Pride ein Vortrag zum Thema „Zwischen Queerfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus“ statt. Diese Personen sind ebenfalls nicht stellvertretend für „den“ Islam, doch sie zeigen: Vielfalt akzeptieren bedeutet auch, Vielfalt innerhalb eines Spektrums wahrzunehmen.
Die Welt ist nicht so simplistisch, nicht „wir und die anderen“, nicht „bunt“ vs. rechtsextrem, wie einige es sich wünschen würden. Individuen über einen Kamm zu scheren, bringt weder der LGBT+-Community noch den Opfern und deren Angehörigen etwas, sondern vertieft Gräben. Islamismus und Islamophobie sind Probleme, genau wie Extremismus jeder Art.
Dr. Hudhaifa Al-Mashhadani schrieb unter anderem in einem Instagram-Beitrag: „Die Extremisten in Berlin bewegen sich zu frei.“ Mittlerweile steht fest, dass der Täter Justiz und Polizei ein Begriff und seit Jahren in islamistischen Kreisen unterwegs war.
Wie frei können sich Extremisten jeglichen Horizonts, die den Autoritäten bekannt sind, bewegen?