Kommentar
„En Expat oder e Bier?“: Wie wir Einwanderer hierarchisieren
Luxemburg wurde und wird von ausländischen Mitbürgern aufgebaut. Nur wurden sie nicht „Expats“ oder „Talents“ genannt.
Wer auf dem Bau arbeitet, darf kein „Expat“ sein – warum auch immer Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Ein Ausländer ist in Luxemburg nicht gleich ein Ausländer. Die einen sind Expats oder Talents, andere „nur“ Migranten, Einwanderer oder Gastarbeiter. Diese Unterscheidung spiegelt unser Verständnis von Klasse, geografischer Herkunft und ethnischer Zugehörigkeit wider. Es beeinflusst Erwartungen, die an die Betroffenen gestellt werden, und ihre Wahrnehmung in der Gesellschaft.
Der Begriff „Expat“ ist positiv konnotiert. Er klingt modern, kosmopolitisch, mit einem Hauch von Nation Branding. Historisch bezog er sich eher auf Personen, die temporär von ihrem Arbeitgeber, meistens einem multinationalen Unternehmen oder einer diplomatischen Stelle, ins Ausland geschickt werden. Heute wird er in Luxemburg allgemein für „hochqualifizierte Fachkräfte“ angewandt, die mit einem bestimmten wirtschaftlichen Gewicht ins Land kommen. Also eigentlich Migranten mit mehr Geld und Status.
Bei der Frage, wer ein Anrecht auf welche Anglizismen hat, scheint neben der sozialen auch die geografische Herkunft eine Rolle zu spielen: Selten wird jemand vom afrikanischen Kontinent als Expat gesehen, trotz Erfüllung aller „Letz make it happen“-Kriterien. Ebenso wenig wie eine Person, die aus Syrien geflüchtet ist und nun in der Forschung oder als Chief Corporate Office Manager auf Kirchberg arbeitet. Auch wenn zwei Einwanderer aus dem gleichen Land kommen, scheint die Job Description ausschlaggebend zu sein: Wer arbeitet in der Gastronomie, wer auf einem hohen Posten eines Konzerns?
Das Land wurde und wird von ausländischen Mitbürgern aufgebaut. Nur wurden sie anders genannt, beispielsweise „Bier“, „Gual“ oder „Jugo“. Sie arbeiteten auf der Schmelz, auf Baustellen, im Gastgewerbe ... Wer als einfacher Migrant oder Einwanderer gilt, kann mit anderen sozialen Herausforderungen, Unterschieden in der Behandlung und Stereotypen konfrontiert sein. Der Begriff hat ein größeres, auch politisches Gewicht, vor allem in Bezug auf Migrationspolitik und Integrationsfragen.
So stellt sich auch die Frage: Wer ist zu Veranstaltungen wie einem „Expat Day“ eingeladen? Das soll keine Kritik sein an die, die so bezeichnet werden, oder dazu anleiten, das Wort aus unserem Vokabular zu streichen. Doch es wirft Fragen zu sozialen und ökonomischen Dynamiken auf. Auch die Personen, die wir Expats nennen, auf ihren wirtschaftlichen Beitrag zu reduzieren, zeigt, wie wir allgemein Menschen auf Basis kapitalistischer Ideale wie „Nutzen“ bewerten, in Kategorien einteilen und hierarchisieren.
Mit mehr als 180 Nationalitäten und fast der Hälfte der Bevölkerung, die sich aus Nicht-Luxemburgern zusammensetzt, wird das Großherzogtum gerne als Melting Pot beworben. Diese Diversität stellt sich aus allen Migranten und Personen mit „Migrationshintergrund“ zusammen, und das unabhängig von ihrer Bezeichnung und ihrem „Marktwert“.