Editorial

Zankäpfel: Wenn Landwirtschaft und Umweltschutz in einem Boot sitzen

Auch wenn Bauern und Umweltschützer einander noch nie grün waren: Die Landwirtschaft der Zukunft ist eine ökologische Landwirtschaft.

Apfel ohne Pestizide in Hand gehalten, Symbol für gesundes Bio-Obst und nachhaltigen Obstbau

Wer Obst ohne Pestizide hat, der werfe den ersten Apfel! Foto: Editpress/Tania Feller

Fünfhundert Jahre ist es her, dass sich die Bauern, vom süddeutschen Raum ausgehend, aufgrund wirtschaftlicher Not und sozialen Elends gegen die feudale Unterdrückung erhoben. Der Aufstand endete mit einer verheerenden Niederlage. An dem damals unter Habsburger Herrschaft stehenden Herzogtum Luxemburg ging der Bauernkrieg weitgehend spurlos vorüber, nicht aber der Frühkapitalismus. Die Landwirtschaft ist über Jahrhunderte der dominierende Sektor geblieben. So auch in Luxemburg.

Während früher die Mehrheit der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig war, erwirtschaftet der Sektor heute kaum noch 0,2 Prozent des BIP und beschäftigt weniger als ein Prozent der Erwerbstätigen. Von den rund 1.800 landwirtschaftlichen Betrieben im Großherzogtum befinden sich vor allem die kleinen und mittelgroßen im Existenzkampf. Das Sterben der Bauernhöfe geht weiter – nicht zuletzt, weil viele Bauern keine Nachfolger finden. Hinzugekommen sind weitere Herausforderungen.

Eine davon ist die ökologische Landwirtschaft. Laut Bioaktionsplan 2030 soll ihr Anteil an der gesamten agrarischen Nutzfläche in vier Jahren 15 Prozent betragen. Für besonders eifrige Verfechter des Biolandbaus ist das Ziel zu bescheiden. Es fehle an einer klaren politischen Weichenstellung, monierte etwa das „Mouvement écologique“. Ministerin Martine Hansen setzt auf einen pragmatischen und marktorientierten Ansatz. Tragende Säule des PAN Bio 2030 soll die Förderung der Teilumstellung sein, die es den konventionellen Bauernhöfen ermöglicht, schrittweise in den Biosektor einzusteigen und zunächst nur einzelne Betriebszweige ökologisch zu bewirtschaften. Dies ist vernünftig und soll „Berührungsängste“ abbauen.

Vermutlich waren die Mehrheit der Luxemburger Bauern und das „Mouvement écologique“ einander noch nie grün. Doch als die Umweltschutzorganisation kürzlich das wenig schmeichelhafte Ergebnis einer Studie des Pesticide Action Network (PAN Europe) bekannt gab, war in dem Verhältnis erst recht der Wurm drin. Das „Méco“ hatte drei Proben von Äpfeln aus konventioneller Produktion zur Untersuchung beigesteuert. Die Luxemburger Äpfel stachen im EU-Vergleich negativ hervor, weil sie überdurchschnittlich hohe Belastungen mit einem „Cocktail an Schadstoffen“ aufweisen. Die Umweltschutzorganisation erinnert an andere Untersuchungen, bei denen hierzulande Chemikalien in Lebensmitteln gefunden wurden. Die Umweltschützer fordern die Regierung daher zu Maßnahmen auf. Der „Landesuebstbauveräin“ hingegen spricht von Diffamierung und falscher Darstellung und fühlt sich an den Pranger gestellt, bestreitet jedoch nicht, dass Pestizidrückstände vorhanden sind. Dies führt Obstbauernpräsident Jean-Claude Muller auf Marktzwänge zurück: „Der Markt will perfekte Äpfel.“

Auch wenn sich Bauern und Umweltschützer, gelinde formuliert, nicht immer eins waren, ist die Landwirtschaft der Zukunft eine ökologische. Auf die Gefahr hin, Äpfel mit Birnen zu vergleichen, ziehen beide zumindest in einer Sache an einem Strang: in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem EU-Mercosur-Abkommen. Umweltschützer monieren die unzureichenden Klima-, Umwelt- und Biodiversitätsstandards in Südamerika und weisen darauf hin, dass in der industriell betriebenen südamerikanischen Landwirtschaft etliche Pestizide zum Einsatz kommen, die in Europa verboten sind. Derweil lehnen die europäischen Bauern die Freihandelszone überwiegend ab, weil sie u.a. den Import zollbegünstigter Agrargüter wie Rindfleisch und Geflügel befürchten – und dadurch einen verstärkten Preis- und Konkurrenzdruck. Das Gespenst, das sowohl Landwirten als auch Umweltschützern zusetzt, ist durch die jüngsten politischen Entwicklungen (die US-Zollpolitik) zunehmend in Bedrängnis geraten: der freie Handel. Dabei gehört auch er unter Artenschutz gestellt.

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