Editorial
„Zäit fir Heem, Meeschter“: Luxemburgs schmerzhafte Rückkehr zur Normalität
Luxemburgs Impfkampagne ist der Wendepunkt der Pandemiebekämpfung – die Impfquote beeinflusst die Lockerungen maßgeblich Foto : Editpress/Julien Garroy
Die Einschränkungen haben viele Gesichter. Da war: Verzicht aus Rücksicht auf die Vulnerablen. Dann: Solidarität mit den Noch-Nicht-Geimpften. Und heute? Unsere vermeintlich letzte Pandemie-Phase: Die Covid-Check-Ära. Doch warum ist sie bloß so unglaublich schmerzhaft?
Weil nicht weniger als eine Werteverschiebung in unserer Gesellschaft stattfindet: von der kollektiven Solidarität hin zur Eigenverantwortung. Was banal klingt, ringt viel ab. Zur Erinnerung: Auf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie appellierte die Regierung an besagte Selbstverantwortung. Es hatte etwas unfreiwillig Komisches: Blieb ihr doch nichts anderes übrig, der Kontrollverlust war ein totaler. Von einem Impfstoff keine Spur – von politischer Vernunft ebenso.
Doch heute ist die Situation eine andere. Machten es sich die politischen Verantwortlichen einst ein wenig einfach, ist die Feststellung inzwischen: Es liegt tatsächlich mehr denn je in unseren Händen, ob und wie schnell uns die Rückkehr zur Normalität gelingt. Das Problematische an diesem langatmigen Prozess: das Infektionsniveau auf einem akzeptablen Niveau zu halten und mit dem Restrisiko einer Infektion leben zu können. Nach Monaten des Verzichts stellt sich aber die Frage: Wo liegt die goldene Mitte zwischen kollektiv verordneter Zurückhaltung und individuell verantworteter Freiheitsbegierde? Anders formuliert: Wie viel dürfen wir uns jetzt schon „de Batti stellen“?
Auch hier: Verkehrte Welt. Hätten Experten einst bei einem derartigen Infektionsanstieg zu drastischen Maßnahmen geraten, zeigt sich gegenwärtig: Die Impfungen sind ein wahrer Gamechanger. Besonders schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte konnten vorerst drastisch reduziert werden – das Ermüdende daran: die bleibende Ungewissheit, welche Auswirkungen z.B. die Delta-Variante auf unser Gesundheitswesen haben könnte. Möglicherweise einen geringen, doch für Schlussfolgerungen ist die Datenlage noch zu diffus. Am Gesamtbild ändert sich derweil wenig: „Das Entscheidende ist, dass die Impfstoffe allesamt im Durchschnitt sehr gut gegen schwere Verläufe schützen – und damit wird Corona mehr und mehr zu einer normalen Infektion“, so Virologe Claude Muller jüngst gegenüber dem Tageblatt. Er beschreibt den Paradigmenwechsel als eine Verlagerung von der öffentlichen hin zur individuellen Gesundheit. Mit dem Resultat: Wir steuern durch unser Verhalten wieder unser eigenes Risiko.
Insofern sind die hitzigen Diskussionen über die Löcher des Covid-Check-Regimes noch komplizierter als vergangene Debatten. Einerseits ist die Feststellung, dass die Selbsttests das schwächste Glied unserer Exit-Strategie sind, wenig überraschend. Andererseits zeigt der Streit über ihre neue Gültigkeitsdauer, dass Luxemburg wieder ganz schön dreist unterwegs ist. Während Kinder immer noch viele Einschränkungen ertragen müssen, heulen wir inmitten der Pandemie rum, der Wirt unseres Herzens könnte um Mitternacht sagen: „Zäit fir Heem, Meeschter.“