Editorial
Wohnungsnot: eine tickende Zeitbombe
Wenn bezahlbare Wohnungen doch einfach nur aus dem Boden sprießen würden … Foto: Editpress/Puntostudiofoto Lda, stock.adobe.com
Wenn es an der Haustür klingelt und es sind weder Paketzusteller noch die Zeugen Jehovas, dann können es durchaus auch die Vertreter einer Immobilienagentur sein, die einfach nur mal nachfragen wollen. Ob man vielleicht daran denke, zu verkaufen, oder jemanden kenne, der verkaufen möchte oder daran denke, heute, morgen oder in naher Zukunft?
Die Frage ist dreist, zeigt aber, wie es auf dem einheimischen Wohnungsmarkt zugeht. Vordergründig freundlich, ansonsten aber mit harten Bandagen. Da kann nur mithalten, wer über die nötigen Mittel verfügt. Ansonsten droht der K.o., und das umso heftiger, je schwächer die Einkommenssituation ist.
Wer eine Wohnung hat, mit Küche, Bad, Wohn- und Schlafzimmer und einem Hauch von Garten, dürfte schwer verstehen, wie es ist, keine zu haben, wobei der, der eine Wohnung hat, natürlich auch nicht immer zufrieden ist. Aber keine Wohnung, keine Eingangstür, die man hinter sich abschließen kann? Es dürfte kein anheimelndes Gefühl sein, die eigenen vier Wände zu vermissen. Besonders dann nicht, wenn man eh nur schwarze Wolken am Gefühlshimmel sieht. Dort, wo Menschen ernsthafte Schwierigkeiten haben, durchs Leben zu kommen, fehlt meistens auch eine Wohnung. Oder zumindest der adäquate Wohnraum, wie bei Alleinerziehenden zum Beispiel.
Sarah, der Frau aus unserer Reportage (Tageblatt vom 4. Januar), wird das Appartement gekündigt. Sie und ihr Sohn kommen bei einem Bekannten unter. Dadurch verlieren sie ihr Recht auf ein Mindesteinkommen. So will es das Gesetz. Wenn sie eine eigene Wohnung finden, erhalten sie ihren „Revis“ zurück. Als wenn das so einfach wäre, eine Wohnung zu finden. Das kennen auch Obdachlose und Menschen, die aus dem Gefängnis entlassen werden. Wer keine eigene Adresse hat, bekommt kein Grundeinkommen. Ein Bankkonto bleibt ihnen ebenfalls verwehrt. So wird der Obdachlose vollends zum Mittellosen, außer das Sozialbüro seiner Gemeinde gibt ihm eine Referenzadresse. Machen offenbar aber nicht alle Gemeinden.
Wer das Glück hat, irgendwo unterzukommen, in einer ganz oder teilweise subventionierten Wohnung, der hat sicher nicht alle Probleme gelöst. Die Sonnenseite des Lebens sieht anders aus. Aber trotzdem: Mit Wohnung ist besser als ohne.
Darf man Wohnen als Menschenrecht bezeichnen? Der Bauch meint ja, der Kopf denkt nein. Warum eigentlich so negativ? Weil man sich der zwingenden Logik linearen Denkens bereits gefügt hat und keinen quantensprungartigen Ausweg aus dem Dilemma sieht, das uns Bevölkerungszuwachs und Wohnungsmangel scheinbar aufdrängen?
Vielleicht sollte man andersrum fragen, nämlich, ob es großes Unrecht ist, ein Dach über dem Kopf zu beanspruchen? So wie man nach Frieden und Freiheit lechzt?
Ein einklagbares Recht auf eine Wohnung im klassischen Sinne wird es wohl niemals geben. Wie aber Menschen reagieren, wenn sie es als Unrecht empfinden, keine Wohnung zu haben und/oder in nicht menschenwürdigen Umständen zu leben, darüber kann man nur spekulieren. Kleinreden aber sollte man dieses Problem nicht. Denn womöglich werden sich diese Menschen nicht viel anders benehmen als jeder andere auch, wenn er nichts zu essen oder zu trinken hat oder einfach keine Perspektive mehr sieht.
Dann herrscht Krieg in den Hütten und kein Friede in den Palästen.