Editorial
„Win-win-Situation“: Die Selbstüberschätzung des Serge Wilmes
Umweltminister Serge Wilmes verweigert Interviews ohne persönliche Vorteile und zeigt damit ein problematisches Medienverständnis.
Umweltminister Serge Wilmes legt ein problematisches Journalismusverständnis an den Tag Foto: Editpress/Julien Garroy
Umweltminister Serge Wilmes gibt Interviews offenbar nur dann, wenn für ihn eine „Win-win-Situation“ herausspringt. Mit dieser Begründung hat der CSV-Politiker Journalistenanfragen abgelehnt, wie das Land am vergangenen Freitag berichtete. Medien betrachtet er damit als Teil einer Geschäftsbeziehung. Als müssten sich Journalistinnen und Journalisten darüber freuen, wenn er sich gnädig zeigt und bereit ist, Auskunft zu erteilen. Das zeugt von erheblicher Selbstüberschätzung. Bisher ist Wilmes vor allem durch nichtssagende Pressekonferenzen und leere Floskeln aufgefallen. Für die Medien und damit für die Öffentlichkeit ist das keine „Win-win-Situation“.
Noch problematischer ist das Medienverständnis, das Wilmes als Regierungsmitglied zeigt. Die Journalistenvereinigung ALJP wies am Freitag darauf hin, dass Wilmes Journalismus mit PR verwechsle und dass er als Minister den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig sei. Gerade dann, wenn sich kritische Fragen aufdrängen. Genau diesen Rechtfertigungsdruck erzeugen Journalistinnen und Journalisten mit Recherchen, Analysen und Einordnungen, also mit ihrer täglichen Arbeit. Niemand im Journalismus sucht eine „Win-win-Situation“.
An Rechtfertigungsdruck mangelt es Wilmes zudem nicht. Bereits im vergangenen November berichtete das Tageblatt über Missstände im Umweltministerium. Genannt wurden schlechtes Management, mangelhafte Kommunikation und Unzufriedenheit unter den Mitarbeitenden. Enge Berater würden sich demnach mehr um die eigene Karriere kümmern als um das Ministerium oder den Umweltschutz. Letzterer sei unter Wilmes zum Scheitern verurteilt, wie eine Quelle dem Tageblatt sagte. Statt die Vorwürfe ernst zu nehmen, seine Politik und seinen Führungsstil zu erklären oder Fehler einzugestehen, flüchtete sich Wilmes erneut in inhaltsleere Formeln. Man höre alle Stimmen im Ministerium, jede und jeder könne sich ausdrücken und werde eingebunden, die Arbeitsbedingungen würden verbessert, damit das Wohlbefinden gewährleistet sei. So versteht Wilmes eine „Win-win-Situation“.
Wilmes’ Geringschätzung des Journalismus ist die nächste Eskalationsstufe eines Mindsets, das sich von Beginn an bei Teilen der CSV-DP-Regierung und hier besonders bei CSV-Vertretern zeigte. Ex-Sportminister Mischo, der infolge journalistischer Recherchen zurücktreten musste, bezeichnete die Sportberichterstattung als oberflächlich und lapidar. Er wünschte sich dabei aber nicht mehr investigative Recherchen, sondern mehr Berichterstattung, damit der Sport größere Wertschätzung erfahre. Auch das ist nicht Aufgabe des Journalismus. Ähnlich trat Premierminister und „uneingeschränkter Leader“ (dixit Wilmes) der CSV, Luc Frieden, zu Beginn seiner Amtszeit auf, als er Journalistinnen und Journalisten erklären wollte, sie sollen sich doch den wichtigen Themen zuwenden. Auslöser war die Berichterstattung über das eingeführte Bettelverbot. Auch in Luxemburg verändert sich offensichtlich das Verhältnis einiger Politiker zu den Medien. Der Loser dabei ist die Öffentlichkeit.