Editorial

Unsere Schulen riskieren eine Durchseuchung

Im Zyklus 1 besteht für die Kinder keine generelle Maskenpflicht

Im Zyklus 1 besteht für die Kinder keine generelle Maskenpflicht Foto: dpa/Friso Gentsch

Die bis zur 52. Woche 2021 eher horizontal verlaufenden Linien nehmen seit der ersten Woche im neuen Jahr abrupt eine fast vertikale Richtung an. In etwa der gleiche Verlauf zieht sich durch die zweite Kalenderwoche. Es handelt sich hierbei um die aktuelle Grafik des Bildungsministeriums, welche die Entwicklung der Infektionszahlen an Luxemburgs Schulen illustriert. Die Kurve, insbesondere jene der Grundschulen, sieht in der ersten und zweiten Woche aus wie der Schiefe Turm von Pisa, mit einer leichten Neigung, steil nach oben gerichtet. Oder wie eine etwas schräg gestartete Rakete, nur ohne Flamme und Rauchwolke.

Was sagt das aus? Die positiven Fälle bei Schülern schießen innerhalb von zwei Wochen derart raketenhaft nach oben wie noch nie zuvor in dieser Pandemie. Allein in der Woche vom 10. Januar haben sich knapp 5.000 Schüler in Luxemburg mit Covid-19 infiziert. In der Woche davor waren es über 3.000. Omikron wütet also ganz heftig durchs Land. Und die Maßnahmen an den Schulen scheinen die Variante auch dort nicht mehr in Schach halten zu können.

Und was macht das Bildungsministerium in Woche drei? Es lockert die Quarantäne-Maßnahmen im Zyklus 1 der Grundschule. Das bedeutet, dass bei einem oder mehreren positiven Fällen in einer Klasse keine „mises à l’écart“ beziehungsweise Quarantänen mehr verhängt werden, sondern die anderen Kinder unter gewissen Bedingungen weiter in die Schule gehen dürfen. Wohlgemerkt, im Zyklus 1 gibt es keine Maskenpflicht aufgrund des jungen Alters der Schüler. Auch Distanzregeln können von Vier- bis Fünfjährigen kaum eingehalten werden.

Nein, es war keine Nacht-und-Nebel-Aktion, wie man vielleicht hätte vermuten können. Die Lockerung dieser Maßnahme scheint zwar relativ spontan zu sein, dennoch wurde sie mit verschiedenen schulischen Akteuren vorher abgesprochen. Erst am Donnerstag war das Vorhaben durch einen Post auf der Webseite des Bildungsministeriums für die Öffentlichkeit einsehbar. Dort wird die Maßnahme aber nicht als Lockerung der Quarantäne-Regeln verkauft – natürlich nicht –, sondern als verstärktes Testen der Kinder des Zyklus 1. Als Angleichung sozusagen an die Maßnahmen der Zyklen 2 bis 4. Denn vermehrtes Testen halte das Virus in Schach, heißt es dort zur Begründung. Und – quasi als Nebenprodukt davon – es hält die Kinder in der Schule.

Alles gut? Nein! Denn diese Lockerung hält das Virus keineswegs von der Klasse fern, sondern kurbelt das Risiko von Infektionen weiter an. So in etwa sieht es auch die Lehrergewerkschaft SNE/CGFP, die bereits am Mittwoch, einen Tag vor der öffentlichen Bekanntgabe dieser Maßnahme, eine Reaktion dazu an die Presse verschickte.

Die SNE findet klare Worte und spricht vom Risiko einer Durchseuchung in der Grundschule. Denn diese tägliche Testung, die bei einem oder mehreren positiven Fällen zum Einsatz kommt, findet zudem nicht in der Schule, sondern zu Hause statt. Voraussetzung dafür ist eine von den Eltern unterschriebene „Déclaration sur l’honneur“, die Tests gewissenhaft durchzuführen und ein positives Resultat sofort zu melden. Zu viel Risiko, findet die Gewerkschaft und hat sicherlich nicht unrecht.

Und wo bleiben eigentlich die von der Wissenschaft so hoch gepriesenen Raumluftfilter? Fehlanzeige! Gerade dort, wo Schüler keine Maske tragen können, wie im Zyklus 1 oder den „Crèches“, wäre deren Einsatz doch mehr als wünschenswert. Denn Kinder und besonders die ganz Jungen können durchaus auch ernsthafte Folgen während oder nach einer Covid-Infektion erleiden. Mehr als hundert Covid-Komplikationen bei Kindern gab es bislang in Luxemburg, so eine auf Infektionskrankheiten spezialisierte Kinderärztin am Rande eines Tageblatt-Interviews.

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