Editorial
Die Kontroversen um Vincent Bolloré zeigen, wie fragil die Kulturindustrie ist
Die Kontroversen um den rechten Geschäftsmann Vincent Bolloré gehen über seine Einflussnahme hinaus. Sie werfen die Frage auf: Ist eine freie Kulturbranche möglich in einer Welt, in der Geld regiert?
Die Medienbranche und Kulturschaffende warnen vor dem rechtsextremen Geschäftsmann: Vincent Bolloré weitet seine Einflussnahme auf einschlägige Zeitungen und die Kulturindustrie aus Foto: Julien de Rosa/AFP
Eine Redaktion streikt, Literaturstars drohen, Hunderte Filmschaffende warnen – und im Zentrum steht ein Name: Vincent Bolloré. Der umstrittene, rechtsextreme Medienmogul baut seine Macht seit Jahren aus, indem er Medienunternehmen und Verlagshäuser aufkauft. Damit treibt er eine rechte Agenda voran. Die Auseinandersetzung mit dem Milliardär offenbart die Fragilität der Kulturindustrie: Wer Geld hat, hat das Sagen – und das muss sich ändern.
Die ehemalige Redaktion vom Le Journal du Dimanche würde dem sicherlich zustimmen. 2023 ernannte Bolloré, der Inhaber, den rechten Journalisten Geoffroy Lejeune zum Chefredakteur. Das Team streikte aus Protest 40 Tage lang. Erfolglos. Im Frühjahr 2026 verlagerte sich die Debatte auf den Literaturbetrieb. Nachdem Bolloré, Eigentümer der Hachette-Gruppe, den langjährigen Verleger Olivier Nora entlassen hatte, kehrten zahlreiche Autor*innen dem Verlag Grasset den Rücken. Wenige Monate später erzürnten Bollorés Entscheidungen Frankreichs Filmbranche.
Im Zuge der 79. Filmfestspiele von Cannes unterzeichneten Tausende Filmschaffende einen offenen Brief („Zapper Bolloré“) in der Zeitung Libération. Sie warnten vor Bollorés wachsender Macht. Auslöser ist die Expansion der Canal+-Gruppe, deren Hauptaktionär Bolloré ist. Im Herbst 2025 kaufte das Unternehmen rund ein Drittel der Kino-Kette „Union générale cinémathographique“ (UGC) auf. Mit dem Ziel, bis 2028 die vollständige Kontrolle über die 55 Kinos zu gewinnen.
Bollorés Gruppe könnte also bald mitbestimmen, welche Filme produziert werden, was auf dem Bezahlsender Canal+ läuft – und was die UGC-Kinos zeigen. Der Canal+-Geschäftsführer Maxime Saada betonte zwar das Engagement seines Teams für Vielfalt und Unabhängigkeit, kündigte jedoch zugleich die Zusammenarbeit mit den Unterzeichner*innen von „Zapper Bolloré“ auf. Eine Drohung, die Bände spricht und fatale Folgen für Frankreichs Film haben könnte.
Der Canal+-Gruppe gehört mit Studiocanal einer der wichtigsten Akteure der europäischen Filmdistribution und -produktion. Nach Medienberichten investierte die Gruppe 2025 rund 160 Millionen Euro in die französische Filmproduktion. Sie gilt als deren bedeutendste private Finanzierungsquelle. Selbst die Luxemburger Filmindustrie ist beispielsweise durch Filme wie „Le petit Nicolas: qu’est-ce qu’on attend pour être heureux?“ (2022, u.a. Bidibul Productions) in das Geflecht eingebunden.
Das Problem reicht über Frankreich hinaus. Wer von seiner Kunst leben will, ist auf Finanzierungsmittel und auf Infrastrukturen angewiesen. Kommt beides von kapitalstarken Rechten, sieht die Zukunft der Kulturbranche düster aus. Die Suche nach Gegenmodellen ist dringlich. Eine widerstandsfähige Kulturindustrie braucht Diversität und Unabhängigkeit – etwa in Form kleiner Verlagshäuser, experimenteller Projekte, öffentlicher Förderung, Programmkinos oder alternativer, progressiver Medienformate. Das alles existiert bereits, doch solche Initiativen kämpfen viel zu oft ums Überleben.
Streiks und Boykotte setzen ein wichtiges Zeichen, sind langfristig jedoch kein Mittel gegen die schleichende Machtübernahme von rechts. Wenn die kulturelle Vielfalt erhalten bleiben soll, braucht es mehr als individuelle Entscheidungen. Es benötigt den Widerstand gegen eine Marktlogik, in der die Reichsten am längeren Hebel sitzen.