Editorial
Infantinos verblasste Versprechen
Gianni Infantino versprach bei seinem Amtsantritt einen Neuanfang für die FIFA. Zehn Jahre danach ist die Glaubwürdigkeit des Weltverbands aber an einem neuen Tiefpunkt angelangt.
Durch seine Nähe zu Donald Trump erweckt Gianni Infantino selbst den Eindruck der politischen Einflussnahme Foto: dpa/Jacquelyn Martin
Donald Trump ist dieser Tage längst nicht mehr nur US-Präsident, neuerdings scheint er auch als Strippenzieher im Weltfußball aufzutreten. Der Eindruck, dass die Begnadigung des US-Stürmers Folarin Balogun auf seine Initiative zurückgeht, ist ein handfester Skandal. Denn wenn politische Einflussnahme sportliche Regeln aussetzt, wird ein Grundprinzip des Sports ausgehebelt.
Im Fokus der Debatte steht zwar Trump. Doch der Mann, der all das überhaupt möglich gemacht hat, heißt Gianni Infantino. Dabei war seine Mission einst eine ganz andere.
Als Infantino 2016 nach den Korruptionsskandalen um Sepp Blatter und Michel Platini FIFA-Präsident wurde, inszenierte er sich als eine Art Messias. Die FIFA steckte in einer Vertrauenskrise, Spitzenfunktionäre waren verhaftet worden, Blatter musste zurücktreten und der designierte Nachfolger Platini wurde gesperrt. Infantino versprach einen Neuanfang. „Ich kann nicht einfach nur dasitzen und zuschauen, wie sich die FIFA selbst zerstört“, sagte er damals, bevor er ins höchste Amt des Weltfußballs gewählt wurde. Und er versprach, die Machenschaften seiner Vorgänger vergessen zu machen: „Die FIFA verändert sich. Sie wird eine sein, die offen, vertrauensvoll und transparent ist.“
Zehn Jahre später fällt die Bilanz ernüchternd aus. Statt die FIFA glaubwürdiger zu machen, hat er sie politisch noch angreifbarer gemacht. Dass der Einfluss von Trump entscheidend für die Aufhebung der Roten Karte war, ist nicht bewiesen. Mit seiner Nähe zu Trump, die lange vor der WM begann und in der Verleihung eines eigens erfundenen Friedenspreises gipfelte, hat Infantino den Eindruck, dass politische Einflussnahme möglich ist, aber selbst erst entstehen lassen. Vertrauenswürdig sieht anders aus. Die FIFA ist in dieser Sache nicht weiter, als vor der Infantino-Ära. Im Gegenteil.
Dass ausgerechnet Blatter nun sagt, Infantino habe sich Trump unterworfen und es brauche eine „Persönlichkeit, die unabhängig ist“, mag paradox wirken. Doch die Aussage trifft einen wunden Punkt. Sportfunktionäre betonen immer wieder die Wichtigkeit der Autonomie des Sports. Auch Infantino erklärte nach der Aufhebung der Roten Karte, die Unabhängigkeit der Justizorgane der FIFA sei „für die Glaubwürdigkeit und Integrität des Fußballs unerlässlich“ und wies die Anschuldigungen über den Einfluss seines Kumpels zurück. Diese Worte klingen richtig. Nur wirken sie angesichts der Ereignisse nicht überzeugend.
Entsprechend deutlich fiel die Reaktion der UEFA aus. Sie sprach von einer „roten Linie“, die überschritten worden sei, und bezeichnete die Entscheidung als „beispiellos, unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen“. Klare Worte. Doch Worte allein reichen nicht.
Im kommenden März stehen die nächsten FIFA-Präsidentschaftswahlen an. Sie werden zum Test dafür, wie ernst es mit der Empörung tatsächlich ist. Wer heute kritisiert und morgen erneut für Infantino stimmt, macht sich unglaubwürdig. Jeder Verband wird Farbe bekennen müssen: Trägt er den eingeschlagenen Infantino-Kurs weiter mit oder gibt er der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des Weltfußballs Vorrang? Auch die FLF wird sich dieser Entscheidung nicht entziehen können.