Editorial

Mehr als Gedenken: Zum Anstieg von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit

Erinnerungskultur im Umgang mit der Geschichte und im Kampf gegen Antisemitismus und Islamophobie ist von zentraler Bedeutung. Aber die Diskriminierung muss auch mit juristischer Konsequenz und mit Zivilcourage im Alltag bekämpft werden.

Gedenktafel am ehemaligen Standort der Synagoge in Esch als Erinnerung an jüdische Geschichte

Erinnerung an den Standort der früheren Synagoge in Esch Foto: Editpress/Alain Rischard

„Ohne Erinnerung gibt es keine Kultur. Ohne Erinnerung gäbe es keine Zivilisation, keine Gesellschaft, keine Zukunft.“ Mit diesen Worten hat der Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Eli Wiesel die Bedeutung des Gedenkens sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft erklärt. Das Erinnerungskontinuum ist ein fließendes Ineinandergreifen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Behauptung, dass sich die Generation der Gegenwart nicht für die Vergangenheit ihres Landes verantworten müsse, ist schlichtweg falsch. Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft.

Am 3. Juni 1941 ließen die Nazis die Synagoge von Esch abreißen. Etwa 1.500 Juden aus Luxemburg wurden deportiert und ermordet. Sie fielen der Schoah zum Opfer. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte das jüdische Leben nach Luxemburg zurück, in den 50er-Jahren entstanden in der Hauptstadt und in Esch neue Synagogen. Der alte Platz, wo die alte Escher Synagoge stand, wurde 1985 in „Place de la Synagoge“ umbenannt, 2005 wurde dort eine Stätte der Erinnerung errichtet. Ein solcher Ort ist angesichts einer weltweit zunehmenden Geschichtsklitterung durch rechtspopulistische und rechtsextremistische Parteien und Regierungen sowie in Anbetracht eines erstarkenden Antisemitismus notwendiger denn je, ebenso wie Gedenktage.

Der Antisemitismus hat in vielen Ländern während der Corona-Pandemie und erst recht nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und dem verheerenden israelischen Militärschlag auf Gaza zugenommen. Die Zahl der antisemitischen Vorfälle ist angestiegen. Diese Art des Judenhasses bezieht sich vor allem auf Israel. Der britische Journalist Jake Wallis Simons schreibt in seinem gleichnamigen Buch von „Israelphobie“. Die Vereinigung „Recherche et information sur l’antisémitisme au Luxembourg“ (RIAL), die hierzulande die Vorfälle dokumentiert, unterteilt sie in die Delegitimierung des Staates Israel, die Verteufelung von „Zionisten“ und die Vergleiche von Gaza und Holocaust.

Zu den jahrhundertealten antisemitischen Verschwörungserzählungen sind neue hinzugekommen. Wie eine aktuelle Studie zeigt, findet in den sozialen Netzwerken hinter verschiedenen Codes und Emojis die Relativierung der Schoah statt und werden menschenfeindliche Ideologien verbreitet. Wie die Autoren der Studie betonen, handelt es sich dabei nicht um ein isoliertes Online-Phänomen. Nach Angaben des Zentralrats der Juden in Deutschland berichtete fast jede zweite jüdische Gemeinde von antisemitischen Vorfällen in den vergangenen zwölf Monaten: Diese reichten von Beleidigungen, Drohanrufen und Hasskommentaren bis zur Sachbeschädigung und zu Schmierereien an Gebäuden. Etwa zwei Drittel der Gemeinden erklärten, dass es für sie unsicherer geworden sei. Es gab aber auch schwere Fälle von Gewalt, geht aus dem Jahresbericht der Universität Tel Aviv hervor. Im vergangenen Jahr wurden demnach bei vier verschiedenen Anschlägen 20 Juden ermordet.

Allerdings muss darauf hingewiesen werden, dass nach dem 7. Oktober 2023 auch die Islamophobie zugenommen hat. Dies meldet die deutsche „Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit“ (Claim) in ihrem Jahresbericht. Die Diskriminierung äußert sich nicht selten in Gewalt. Besonders betroffen sind Frauen mit Kopftuch, die bespuckt und angefeindet werden. Der Hass wird durch rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien vor allem im Internet angeheizt. Die genannte Tendenz kann die „European Union Agency for Fundamental Rights“ bestätigen. Laut ihrem jüngsten Bericht gab fast jeder zweite Muslim in der EU an, rassistisch diskriminiert zu werden. Umso mehr gilt es nicht nur, Erinnerungskultur zu betreiben. Darüber hinaus muss jedoch jegliche Form von Diskriminierung mit juristischer Konsequenz und mit Zivilcourage im Alltag bekämpft werden.

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