Editorial
Corinne Cahen und die Gare: Positioniert sich hier die nächste Bürgermeisterin?
Mit ihrer Kritik am Umgang mit dem Bahnhofsviertel grenzt sich Schöffin Corinne Cahen (DP) zunehmend von der Politik der blau-schwarzen Mehrheit ab. Die DP-Politikerin präsentiert sich als Stimme der Geschäftsleute und Bewohner – und vielleicht schon als Alternative zu Lydie Polfer (DP).
Schöffin Corinne Cahen (DP) spricht beim Thema Bahnhofsviertel auffallend anders als andere Vertreter der blau-schwarzen Mehrheit Foto: Editpress/Julien Garroy
Zuerst Anne Kaiffer (DP) und jetzt Corinne Cahen (DP): Die Gemeinderatsmitglieder der liberalen Partei, die seit Jahrzehnten in Luxemburg-Stadt das Sagen hat, scheinen nicht in allen Hinsichten einer Meinung zu sein. Allen voran beim Thema Bahnhofsviertel. Schöffin Cahen hat sich mit ihren Aussagen im Tageblatt auf die Seite von Anne Kaiffer gestellt. Auch wenn die Lokalpolitiker der blau-schwarzen Mehrheit betonen, dass sie alle auf der gleichen Seite stehen, nutzt Cahen die Debatte offenbar, um den Menschen ihre Vision einer Hauptstadt ohne Lydie Polfer an der Spitze zu präsentieren.
In Luxemburg-Stadt entsteht regelmäßig der Eindruck, als würden Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP), Schöffe Patrick Goldschmit (DP) und andere Mitglieder des Schöffenrats nicht immer wissen, wie der Alltag vieler Bewohner tatsächlich aussieht. Das scheint auch Corinne Cahen erkannt zu haben. Auf den Kommentar von Schöffe Maurice Bauer (CSV), Kaiffer sei eine „Geschäftsfrau, deren Businessmodell nicht aufgegangen ist“, antwortete Cahen: „Ich war verblüfft über solche Aussagen von einer Person, die noch nie einen Betrieb besessen hat und sich nicht im Bahnhofsviertel aufhält.“ Auch in der WhatsApp-Gruppe „Quartier Gare – sécurité & propreté“ beklagen Bewohner regelmäßig, dass sie sich von der Politik nicht gehört fühlen.
Für Corinne Cahen ist das eine Gelegenheit zur Profilierung. Sie kritisiert fehlende Liefer- und Kurzzeitparkplätze im Viertel, bemängelt, dass die Debatte bislang kaum konkrete Lösungen hervorgebracht habe, und spricht von einer fehlenden Gesamtdiskussion über den Stadtteil. Sie fordert mehr Verkehrsberuhigung und eine Umorganisation des Busnetzes. Auch einer Leerstandssteuer steht sie deutlich offener gegenüber als andere Parteikollegen, die eine solche Maßnahme bisher eher skeptisch betrachtet haben.
Ihre Sorge um das Viertel scheint ehrlich zu sein. Doch mit ihren Aussagen positioniert sich Corinne Cahen auch als Alternative innerhalb der DP. Die Abgeordnete präsentiert sich als Ideenmensch, Macherin, Geschäftsfrau. Sie betont, die Schwierigkeiten im Viertel selbst zu erleben. Überhaupt hätte vieles anders geplant werden müssen. Ihre Vorschläge habe sie bereits im Schöffenrat eingebracht – allerdings ohne sichtbaren Erfolg.
Es ist selten, dass eine Lokalpolitikerin öffentlich so deutlich auf Distanz zur Politik des eigenen Schöffenrats geht. Die Frage ist also: Warum? Corinne Cahen erreichte bei ihren ersten Lokalwahlen 2023 mit 11.328 Stimmen direkt Platz drei – hinter Lydie Polfer (15.212) und Patrick Goldschmit (12.410). Bereits nach ihren ersten Nationalwahlen 2013 übernahm sie ein Ministeramt.
Politisch fehlt Cahen also weder Erfahrung noch Bekanntheit. Und bei den nächsten Lokalwahlen dürfte sie sich durchaus Chancen auf den Bürgermeisterposten der inzwischen 73-jährigen Lydie Polfer ausrechnen.
Entsprechend offensiv wirkt auch ihre Botschaft zum Bahnhofsviertel: „Ich kämpfe weiter. Denn ich glaube voll an das Bahnhofsviertel.“ Corinne Cahen präsentiert sich damit als Kämpferin für das Bahnhofsviertel – also genau als das, was viele Bewohner bei der aktuellen Mehrheit vermissen.