Editorial

Und täglich grüßt das Virus

Wieso wir Konzerte dringend wieder brauchen (auf dem Bild: Protomartyr während der „Congés annulés“ 2018)  

Wieso wir Konzerte dringend wieder brauchen (auf dem Bild: Protomartyr während der „Congés annulés“ 2018)   Foto: Editpress

Wenn ich am frühen Morgen im Café meinen Espresso trinke, zögere ich den Moment, an dem ich meinen Rechner aufklappe, die Kopfhörer aufsetze und mich ins Schreiben vertiefe, hinaus. Der Grund: Ich lasse einen kurzen Moment den Chor der noch verschlafenen Stimmen am Tresen oder an den benachbarten Tischen, der sich mit der Stimme eines Radiomoderators oder billigen Pop-Tunes vermischt, auf mich einwirken. Das ist nicht etwa einer voyeuristischen Ader geschuldet – meistens höre ich nicht wirklich zu, der Gesprächsschwall ist vielmehr eine Hintergrundmusik, aus der hier und da ein Begriff, ein Thema herausragt. Dieses Geflecht aus Beziehungsdramen, Familienstreits, beruflicher Unzufriedenheit und lakonischen Kommentaren über (inter)nationale Politik hat etwas Beruhigendes.

Seit der Lockdown vorbei ist und man sich wieder in Cafés aufhalten darf, hat sich allerdings etwas Grundlegendes geändert. Denn ganz gleich, wer neben einem sitzt – es gibt nur noch ein Gesprächsthema: das Virus. An jedem Tisch, an jedem Tresen, in jedem Zuhause wird pausenlos unter selbsternannten Hobbyvirologen über gesundheitliche Entwicklungen, neue Maßnahmen oder rezente Einschränkungen debattiert. Egal ob man über internationale Politik, über Kultur- oder Sportereignisse diskutiert: So wie mal alle Wege nach Rom geführt haben, führen nun alle Gespräche zum Covid. Wo man früher über Theaterstücke oder Konzerte berichtete, liest man heute Artikel über Sicherheitsabstände und Maskenpflicht in Kulturhäusern, staatliche Rettungspakete, Covid-freundliche Kulturproduktionen und Absagen analoger Formate (letzte im Bunde: Luxemburg wird im Herbst nicht mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein).

Die Medien sind natürlich nicht unschuldig an dem Trubel – in einer ziemlich redundanten Feedbackschleife bekommt der Leser genau das geboten, was ihn laut Statistik am meisten interessiert. Das Resultat: Täglich fiebern wir den neuesten Infektions- und Sterbezahlen entgegen. Was das mit uns macht? Laut Blaise Pascal lässt sich unser aller Unglück dadurch erklären, dass wir es nicht vermögen, allein in einem Zimmer zu verweilen. Sind wir auf uns allein gestellt, kommen wir nicht drum herum, unsere Sterblichkeit ins Auge zu fassen. Theaterbesuche, Sportevents, Reisen, Café-Besuche gehören allesamt einer gigantischen Verweigerungsmaschine an – ein Versuch, unsere Sterblichkeit für einen kurzen Moment der Verleugnung auszuklammern. In „The Suffering Channel“ schrieb David Foster Wallace: „Consciousness is nature’s nightmare.“ Kein anderes Lebewesen ist sich der Sterblichkeit seiner Mitmenschen und seiner selbst so bewusst wie der Mensch. Die besten kulturellen Produktionen sind zeitgleich Ablenkung von und Auseinandersetzung mit dieser unserer Sterblichkeit.

Durch die pausenlose Live-Berichterstattung über die Pandemie wird der psychisch wesentliche Moment der Ablenkung unmöglich. Wer ständig an das Virus denkt, denkt kontinuierlich an den Tod. Welche psychologischen Auswirkungen es dauerhaft auf uns haben wird, wenn wir uns tagtäglich mit dem möglichen Tod unserer Mitmenschen auseinandersetzen, ohne dass kulturelle Produktionen, in denen diese Thematik transzendiert oder kathartisch aufgelöst wird, diese Auseinandersetzung begleiten, will ich mir nicht vorstellen. Ein gewisses Maß an Wirklichkeitsverleugnung ist für unser aller Wohl unumgänglich. Genau dies wird auch durch zermürbende, die Bevölkerung anklagende Pressekonferenzen zunehmend unmöglich gemacht. Wir brauchen wieder Kulturevents, während deren wir mit Hochgenuss die Wirklichkeit ausklammern können. Verantwortliches Handeln bedeutet nämlich auch, unsere psychische Gesundheit zu pflegen.

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