Editorial

Ukraine-Krieg: eine Frage der Gewöhnung

Sommer- und Ferienzeit in Luxemburg: Wer möchte da an Krieg denken?

Sommer- und Ferienzeit in Luxemburg: Wer möchte da an Krieg denken? Foto: Editpress/Alain Rischard

Hand aufs Herz: Wie oft denken wir noch an den Krieg in der Ukraine? Hat sich nicht schleichend eine gewisse Gewöhnung oder Kriegsmüdigkeit eingestellt? 

Ja, an der Zapfsäule wird der brutale Konflikt kurz gegenwärtig, der hohen Spritpreise wegen. Oder wenn wir lesen, dass einige Lebensmittel knapper oder Gas und Strom – und wer weiß, was sonst noch alles – im Herbst erheblich teurer werden, dann geben wir der russischen Invasion in der Ukraine die Schuld. Ansonsten aber hält sich unser Interesse immer öfter zurück und wir mutieren zu Verdrängungskünstlern. 

Klar ist jedenfalls, dass die Aufmerksamkeit, die dem Krieg in den ersten Tagen und Wochen geschenkt wurde, stark zurückgegangen ist. Das mag auch daran liegen, dass das Geschehen auf Distanz nicht immer einfach nachzuvollziehen ist und sich eventuell eine gewisse Skepsis breitmacht. Bürger haben vielleicht einfach auch das Gefühl, dass sie ohnehin nichts ändern können, und dass jene, die etwas ändern könnten, gar müssten, die Politiker, oft nicht zielorientiert oder konkret verständlich handeln. Es mag auch sein, dass sich das Augenmerk auf andere Themen richtet, weil die Medien in ihrer täglichen Berichterstattung etwas zurückhaltender geworden sind und die Ukraine zumindest nicht mehr die Schlagzeilen dominiert.

Ja, es ist Sommer. Ferienzeit. Da ist Erholung angesagt, da genießen Familie und Freunde höchste Priorität. Krieg, Elend und Vertreibung, Flüchtlinge, ob die in der Heimat oder die im Mittelmeer, haben da, ähnlich wie andere Probleme auch, keinen wirklichen Platz im Alltag. Wem will man’s übelnehmen? 

Allerdings ist die Gefahr groß, dass je länger der Krieg dauert, umso mehr das Interesse an ihm und an den Flüchtlingen aus dem Osten weiter schwinden kann. Gut ist das mit Sicherheit nicht. Abstumpfung ist nie gut, da sie letztlich zu Realitätsverleugnung führen kann. Aber wer ermahnt und kontrolliert dann noch die Politiker, die Putin auf die Finger klopfen sollen? Wer hat dann noch Verständnis für Maßnahmen, die EU-Bürger empfindlich in ihrem Portemonnaie treffen?

Der Krieg in der Ukraine macht jedenfalls keine Sommerpause. Er geht weiter. Mit Tod und Zerstörung, in Europa, wenige Flugstunden von Luxemburg entfernt. Das sollte man, trotz allem Verständnis für die Entspannungsbedürfnisse der Menschen in unseren Breitengraden, täglich ins Bewusstsein rufen. Nicht als Mittel zur Selbstkasteiung, sondern weil dieser Krieg nach Aufmerksamkeit und Lösungen verlangt, nicht nach weiteren Opfern.

Die vielen Künstler, die im litauischen Kaunas, als Partnerstadt von Esch2022, die diesjährige Kulturhauptstadt zelebrieren, haben Krieg und Gewalt nicht vergessen. Umso wichtiger ist es, dass sie mit ihren Darbietungen auch zeigen, wie man mit Kunst und Kultur Brücken schlagen kann. In die Vergangenheit, um zu verstehen und zu bewältigen, und in die Zukunft, um künftig besser, friedlicher zusammenleben zu können. An diesen Künstlern darf man sich inspirieren. An ihren Bemühungen, nach verbindenden Elementen zu suchen, statt nach trennenden. Denn um Brücken bauen zu können, braucht es stets zwei Seiten.

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