Forum
Über die Dummheit von Wutbürgern wie Politikern: Der öffentliche Diskurs wird immer schriller
Freiheitliche Demokratien sollten die Rechte der Bürger schützen. Regeln müssen sein. Um Konflikte zwischen gegensätzlichen Interessen zu vermeiden. Doch die Gesetzgeber versteigen sich immer öfters in Verbotsorgien, die mehr mit ideologischer Bevormundung als mit einer bestmöglichen Organisation des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu tun haben.
Foto: Freepik
Besonders in den Kommunen gibt es zunehmend irritierende Auswüchse. So beschloss die Stadt Osnabrück strenge Regeln zur „Förderung der Nachhaltigkeit bei der Kinderbelustigung“. Zu Kirmes-Anlässen wurde es Karussell-Besitzern verboten, den Kindern kleine Autos, Mini-Motorräder, Klein-Flugzeuge oder Hubschrauber zum Drehen ihrer vergnüglichen Runden anzubieten.
Anmerkung
Anders als in diesem Forumsbeitrag dargestellt, hat die Stadt Osnabrück weder Autos noch Wildtiere auf Jahrmarkts-Karussellen verboten. Der Beitrag, auf den sich der Autor bezieht, stammt aus einem Satire-Artikel. – Redaktion
Verboten wurden auch Nachbildungen exotischer Tiere wie Kamele, Giraffen oder Löwen. Erlaubt bleiben Fahrräder, Mini-Busse, Mini-Trams, Kutschen sowie Nutztiere wie Pferde oder Esel.
Die radikalen Tierschützer von PETA protestieren gegen Letzteres. Kindern sollte Respekt vor allen Tieren eingebläut werden. Auch vor Pferden oder Eseln. Jedenfalls vor Vierbeinigen.
Da sich die Schausteller diesen weltfremden Verboten widersetzten, beschäftigt der Nachhaltigkeits-Rülpser der Stadt Osnabrück nunmehr die Verwaltungsgerichte. Der Versuch der ideologischen Bevormundung der Kinderbelustigung ist nur eine weitere Manifestation einer immer schriller werdenden politischen Diskussion.
Tierschutz ist in unseren Breitengraden eine Selbstverständlichkeit. Ob jedoch den Tieren gedient ist, wenn sie als Karussell-Figuren sakralisiert werden, darf angezweifelt werden.
Aus für Tierdressuren
Ende der achtziger Jahre fand auf dem Glacis in einem großen deutschen Zirkus eine Benefizveranstaltung statt. „Sproochmates“ Lex Roth kommandierte die Elefanten. Staatsminister Jacques Santer zeigte eine Pferdedressur. Bürgermeisterin Lydie Polfer animierte eine Hundeschau. Ich befehligte eine wilde Runde von Zebras, Lamas und anderen exotischen Huftieren. Das ganze selbstverständlich unter der Anleitung der professionellen Dompteure, die am Rande der Manege mit Zurufen und Handzeichen, aber ohne Peitschen, ihre Tiere dirigierten. Seitdem habe ich großen Respekt vor solchen Profis, die den Spieltrieb der Tiere für anregende Schauleistungen zu nutzen wissen.
Auf Druck von angeblichen Tierschützern wurden solche Darbietungen in vielen Teilen Europas vom Gesetzgeber verboten. Auch in Luxemburg werden Tierdressuren nicht mehr geduldet. Obwohl bewiesen ist, dass „wilde“ Tiere in Zoos oder in Zirkussen besser und vor allem länger leben als in freier Wildbahn.
Der Zeitgeist will Tieren „keinen Zwang“ mehr auflegen. Milchkühe und Legehennen sollen nicht mehr „ausgebeutet“ werden. Selbst das Bereiten von Pferden und selbstverständlich auch die Pferdedressur wird von PETA-Aktivisten als „Tierquälerei“ verurteilt.
Die Welt der Kinder wird ärmer durch solche Bevormundung von Aktivisten der „politischen Korrektheit“. Die ihre Fantasmen allen Menschen aufzwingen möchten. Das Schlimmste ist, dass sie sich Schritt für Schritt durchsetzen.
Kampf um die Kantinen
Jeder soll auf seine Fasson satt werden. Wer sich als Veganer, Vegetarier oder Frutarier ernähren möchte, sollte das getrost tun. Doch weshalb „fleischfreie“ Tage in den Schulkantinen? Wie der angeblich liberale Erziehungsminister verfügte. Glücklicherweise gibt es um die Lyzeen genügend Döner-Buden und andere Fressalien-Händler, welche die privaten Esswünsche der Schüler ideologiefrei erfüllen.
Eine andere Front der militanten Tierschützer ist das Mästen von Gänsen und Enten zwecks Gewinnung von „Foie Gras“. In Luxemburg ist seit der Reform der Tierschutz-Gesetzgebung unter dem ehemaligen DP-Minister für Landwirtschaft, Fernand Etgen, das Mästen von Gänsen und Enten hierzulande verboten. Wir importieren bloß gemästete Leber und dürfen das Endprodukt noch verzehren.
Dagegen hat die grüne Bürgermeisterin von Straßburg durchgesetzt, dass der zwar noch immer in ihrer Metropole produzierte „Foie Gras d’Alsace“ bei öffentlichen Anlässen nicht mehr serviert werden darf.
Ähnlich ideologisch motivierte Verbote gibt es durch andere grüne Bürgermeister in Frankreich. In Bordeaux verfügte der Bürgermeister, aus Respekt vor der Natur dürfte die Gemeindeverwaltung zu Weihnachten keine Tannenbäume mehr aufstellen. Seitdem schmücken künstliche Baum-Gebilde die Stadt zu Weihnachten.
Der Bürgermeister von Lyon will keine Etappe der Tour de France in seiner Stadt. Bei der Tour würden mehr Autos und Motorräder mitfahren als Rennfahrer auf Rädern. Ein schlechtes Beispiel für die erwünschte „sanfte Mobilität“. Wann kommt das Verbot, Fahrräder auf Autos zu montieren?
Sollte man lachen oder weinen angesichts solcher Versuche, die Gesellschaft mittels immer mehr Geboten und Verboten zu „reformieren“?
„Woke“ ante portas
In manchen Orten sind die Gemeindeväter/mütter (um „gendergerecht“ zu schreiben) sehr erfinderisch, um der „Woke“-Ideologie zu frönen. Wobei das Wort „Mutter“ anscheinend zu geschlechterspezifisch ist. Besser sei, von einer „gebärenden Person“ zu reden ...
An der Universität Flensburg haben radikale Studentinnen durchgesetzt, dass eine Frauen-Skulptur mit einem zu generösen Becken entfernt wurde. Das sei eine indezente Aufforderung an die Frauen, gebärfreudig zu sein ...
Auf Antrag der grünen Fraktion stimmten im Stuttgarter Stadtrat alle Parteien dafür, dass im Rathaus auf den Herrentoiletten „Tampon-Spender“ eingerichtet werden. Für den Fall, dass sich eine Trans-Frau dorthin verirren würde. Man darf ja niemanden diskriminieren ...
Die „politische Korrektheit“ führt zu Überreaktionen. Jedes Wort, das nur den Anschein einer Diskriminierung erweckt, ist verpönt. Rassistische oder homophobe Äußerungen sind effektiv nicht statthaft. Als junger Stadtrat von Luxemburg erlebte ich ein Wortgefecht zwischen dem legendären CSV-Schöffen Georges Margue und einem CSV-Stadtrat, von dem gemunkelt wurde, er sei homosexuell. Wobei Georges Margue seinem Kollegen unterstellte, er würde Politik für die „Keffdetscher“ machen. Allgemeines Gelächter. Heute würde eine solche Aussage zu Rücktrittsforderungen führen.
Es ist gut und richtig, dass niemand mehr wegen seiner sexuellen Orientierung an den Pranger gestellt wird. In einem Land, wo selbst der Premierminister sich zu seiner Homosexualität bekennt, und mit ihm viele andere hochgestellte Persönlichkeiten, gibt es keine Diskriminierung mehr. Deshalb sollte man hierzulande entkrampfter über Fragen reden, wie Auftritte von Transvestiten vor Kindern.
Dass das Internet leider zu einem öffentlichen Pissoir verkommen ist, wo jeder meistens anonyme Schmutzfink Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens anpinkeln und seiner bornierten Dummheit Ausdruck geben kann, ist mehr als ärgerlich. Das bleibt wahrscheinlich der Preis, den die Gesellschaft für freie Meinungsäußerung zu zahlen hat.
Schon Winston Churchill befand: „Wo es eine große Redefreiheit gibt, werden auch viele Dummheiten gesagt!“
Dummheiten sind zurückzuweisen. Nicht nur von durchgeknallten Wutbürgern. Vor allem, wenn sie von Entscheidungsträgern aus der Politik kommen. Ob im Staat oder in den Kommunen.
Der Autor ist ehemaliger LSAP-Minister und Europaabgeordneter Foto: Editpress/Didier Sylvestre