Editorial
„Tatta Tom“ verschreckt die Kleingeister: Wieso der Einsatz für LGBTQIA+-Rechte ein wichtiger Kampf bleibt
Erst vergangene Woche fand in Luxemburg die Pride Week statt. Wie wichtig ein Engagement für mehr Toleranz bleibt, zeigen die Aussagen der Wutbürger in den sozialen Medien. Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Was für ein Aufschrei! Die Escher Stadtbibliothek (BESA) organisiert am 29. Juli die Veranstaltung „D’Tatta Tom liest vir“. Der in Luxemburg bekannte Drag-Künstler wird dabei zwei Kindergruppen aus Kinderbüchern vorlesen. Es ist nicht das erste Mal, dass Tatta Tom hier vorlesen wird – doch in den sozialen Medien entbrennt plötzlich unter der Ankündigung der Veranstaltung eine riesige Polemik.
Denn Tatta Tom lässt die Gemüter vieler Kleingeister hochkochen. Unter ihnen etliche Personen, die man in den Reihen von „déi Konservativ“ und ADR verorten kann. Wen wundert’s … Wahlkampf auf unterstem Morast-Niveau, der nur dazu dient, die Gesellschaft weiter zu spalten, ist leider eine beliebte Taktik der beiden rechten Parteien. Die „alt-right“-Vettern aus den USA lassen grüßen.
Die Haupt-„Argumente“ gegen die Lesung decken die gesamte LGBTQIA+-feindliche Rhetorik ab: Sie verwirre die Kinder sexuell, „indoktriniere“ sie mit LGBTQ+-Gedankengut, alles „woker“ Irrsinn, Drag sollte es nicht geben (außer an Karneval und bei Junggesellenabschieden, denn da ist es „lustig“), LGBTQ+-Menschen seien alle krank und alle gegenteiligen Studien seien vom „diabolischen“ Microsoft-Milliardär finanziert, es sei eine „Verblödung“ der Menschheit usw., usf.
Wie wunderbar inklusiv Luxemburg doch ist! Bei einer solch offenen und akzeptierenden Gesellschaft braucht es definitiv keine Aktionen für mehr Toleranz. Die nächste Pride braucht nicht stattzufinden, der Kampf ist vorbei (Achtung: Sarkasmus).
Glücklicherweise finden sich unter den Kommentatoren auch viele Menschen, die versuchen, gegen die Hasskommentare anzuschreiben und aufzuklären. Zum Beispiel, dass Drag nicht das gleiche wie Trans ist, dass es sich um eine Kunstform handelt, dass die Veranstaltung nichts, absolut gar nichts mit Sex zu tun hat, dass es sich schlicht um eine Kinderbuchvorlesung handelt, wo niemand gezwungen wird, dran teilzunehmen … Doch stoßen diese sehr geduldigen Menschen bei den Autoren der Hasskommentare oft auf taube Ohren (oder eher selektiv blinde Augen). Bleibt die Hoffnung, dass wenigstens einige skeptische Mitleser überzeugt werden können.
Das Erschreckendste ist allerdings, wie weit manche „Querdenker“ gehen, wenn sie in ihrer Bubble unterwegs sind und sich ungehindert in ihren Hass hineinsteigern können. Dann wird offen über Gewalt gegen LGBTQIA+-Menschen, Drag-Künstler und Allies gesprochen oder per Dog Whistle angedeutet, dass es für solche Menschen Gefängnis- oder sogar Todesstrafen geben sollte.
Leider nehmen Attacken, wie Tatta Tom sie gerade erleben muss, in Europa zu. Nicht zwangsweise, weil die Menge an intoleranten Bürgern wächst, sondern weil die paar Ewig-Entzürnten immer lauter schreien und sich gegenseitig dazu anstacheln, ihrem Hass in der Öffentlichkeit freien Lauf zu lassen. Organisationen wie die „International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association“ warnen vor der zunehmenden Anti-LGBTQIA+-Rhetorik und davor, dass bereits errungene Rechte unter Beschuss sind – auch in westlichen Ländern.
Die Geschichte hat bereits gezeigt, wie schnell Jahre der Toleranz kippen können. Wer darüber mehr erfahren möchte, sollte sich die Dokumentation „Eldorado“ auf Netflix ansehen. Das dürfen wir nicht wieder zulassen. Deswegen ist es wichtig, dass die künftige Regierung die LGBTQIA+-Rechte in Luxemburg weiter stärkt (z.B. mit einem Verbot von Konversionstherapien, die unverständlicherweise noch immer legal sind) und man sich aktiv gegen Hass und Intoleranz engagiert. Wie es der Kleingeist-Schreck Tatta Tom mit jedem vorgelesenen Buch tut.