Editorial
Starke Nerven: Von mangelndem Respekt und anderen Inzivilitäten
Foto: dpa/Robert Michael
Nach einem Jahr Pandemie ist die Stimmung in der Öffentlichkeit zunehmend gereizter. Nicht nur in den sozialen Netzwerken kann man den aggressiven Grundton deutlich vernehmen, auch im Alltag reagieren Menschen mitunter dünnhäutig. Ein Beispiel vom vergangenen Freitag im Süden des Landes: Eine junge Frau parkt an einer viel befahrenen Straße quer über den Geh- und Radweg. Ein Fußgänger macht eine abfällige Handbewegung in ihre Richtung, woraufhin die Frau die Initiative ergreift und aus dem Auto heraus mit einer gehörigen Portion Aggressivität ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen versucht. Nur zwei Minuten stehe sie dort und außerdem wäre ja noch genügend Platz für Fußgänger und Radfahrer. Der Passant solle mal „runterkommen“, die Sonne und das Wochenende genießen. Ein Wort ergibt das andere und die Diskussion droht zu eskalieren, was schlussendlich nicht geschieht.
Nur ein Beispiel von Situationen, wie sie tagtäglich im öffentlichen Raum und vor allem im Straßenverkehr zu beobachten sind. Die Neigung zur Aggressivität ist Ausdruck der Frustration. Seit über einem Jahr sind die Freiheiten der Menschen wegen der Pandemie-Bekämpfung stark eingeschränkt. Dazu kommt Unsicherheit und Angst. Und dann ist es wohl auch so, dass Egoismus und Ellbogen-Mentalität in der Gesellschaft immer mehr zunehmen.
Da überlegt man sich es lieber zweimal, einen Unbekannten wegen vermeintlicher Inzivilitäten zur Rede zu stellen. Dabei ist der Mangel an Höflichkeit, Respekt und guten Manieren ein echtes Problem. In Frankreichs Hauptstadt Paris zum Beispiel hat man der Respektlosigkeit den Kampf angesagt. Dort wurde eine Telefon-Hotline eingerichtet und eine App mit dem Namen „Dans ma rue“ entwickelt, die zum Melden der „Incivilités“ dienen. Es kann reklamiert werden, wenn der Nachbar sonntags den Rasen mäht, Fiffis Ausscheidungen nicht entsorgt oder seinen Müll im öffentlichen Raum hinterlässt. Man könnte das als Denunziantentum kritisieren, auf der anderen Seite endet die Freiheit des Einzelnen bekanntlich dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Und wenn der Respekt gegenüber anderen keine Selbstverständlichkeit mehr ist, dann sollte er „gelehrt“ werden.
Gegen schlechte Manieren und den Mangel an Respekt können in Zukunft in Luxemburg die sogenannten „Pecherten“ vorgehen. Ihre Kompetenzen werden über das Verteilen von Strafzetteln wegen Falschparkens hinaus erweitert. Sie können in Zukunft bei Verstößen gegen das Gemeindereglement Verwaltungsstrafen aussprechen. Rund 175 „Pecherten“ gibt es in Luxemburg, verteilt auf insgesamt 29 Kommunen. Ob es wegen der zusätzlichen Anforderungen mehr sein werden, bleibt abzuwarten. Zudem sind noch viele andere Fragen offen.
Letztendlich auch die, ob sie angesichts der zunehmenden Neigung zu Aggressivität in der Bevölkerung überhaupt mit den erweiterten Funktionen klarkommen. Auf der einen Seite wird ihr Beruf aufgewertet, auf der anderen Seite aber auch komplizierter, weil es vermehrt zur persönlichen Konfrontation mit vermeintlichen Missetätern kommt. Wie soll ein „Pechert“ reagieren, wenn sich der Ertappte wenig kooperativ zeigt? Will er die permanente Konfrontation überhaupt? Fest steht, dass es starker Nerven bedarf, einen solchen Job auszuüben. Die brauchen im Moment aber auch alle anderen.