Kommentar

Stadt der Verschwundenen: Proteste begleiten den WM-Auftakt

Die mexikanische Zivilgesellschaft nutzt die WM, um auf die strukturellen Probleme des Landes aufmerksam zu machen, und erinnert an die zahlreichen entführten und ermordeten Menschen im Gastgeberland.

Angehörige von Ricardo Lagunes Gasca in Ciudad de México bei familiärem Treffen im Freien

Angehörige von Ricardo Lagunes Gasca in Ciudad de México Foto: Facebook

Zum dritten Mal ist Mexiko Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft, so oft wie kein anderes Land – daher der Slogan „Der Ball kehrt nach Hause zurück“. Doch bei aller Euphorie über den Beginn der WM wird auch an die grausame Realität in dem von extremer struktureller Gewalt, Korruption und organisiertem Verbrechen sowie sozialer Ungleichheit geprägten Land erinnert.

Während die mexikanische Regierung den Sicherheitsapparat massiv aufgerüstet und die Spielorte mit unzähligen Überwachungskameras ausgestattet hat, ist der Unmut vieler Einwohner gestiegen. Außerdem erinnern rund um das Aztekenstadion in der Hauptstadt Suchkollektive und Familienangehörige mit Vermisstenplakaten an die mindestens 133.000 „Desaparecidos“ – etwa die Einwohnerzahl einer kleinen Großstadt wie Luxemburg – und deren gewaltsames Verschwinden. Am Abend vor dem Eröffnungsspiel von Mexikos Nationalmannschaft gegen Südafrika zogen Tausende Demonstranten in Richtung Aztekenstadion durch die Metropole. Der friedliche Marsch wurde durch einen Großeinsatz der Polizei aufgehalten.

Die Familien und Menschenrechtler, von denen einige im laufenden Kontakt zum Tageblatt stehen, gekleidet in den grünen Trikots des Nationalteams mit Fotos der Vermissten, wollen ihre Liebsten zurück. Darunter sind auch die Angehörigen von Antonio Díaz Valencia und Ricardo Lagunes Gasca. Die beiden Menschenrechtler werden seit Januar 2023 vermisst, was mutmaßlich in Zusammenhang mit dem in Luxemburg ansässigen Konzern Ternium steht. „Der Ball kehrt zurück – und wann unsere Verschwundenen?“, wollen die Demonstranten wissen. Sie weisen darauf hin, dass Mexiko „campeón en desaparición“ ist, Meister im Verschwindenlassen.

Kollektive wie die „Madres buscadoras“ (suchende Mütter) erinnern an die argentinischen „Madres de Plaza de Mayo“, die einst gegründet wurden, um die Verschwundenen von Argentiniens Militärdiktatur zu suchen. Als in dem südamerikanischen Land 1978 die Fußball-WM stattfand, ließ das dortige Regime Tausende und Abertausende Menschen entführen, foltern und ermorden. Die argentinischen Generäle hatten sich zwei Jahre zuvor an die Macht geputscht. Unmittelbar nach dem Ende der Diktatur 1983 begann eine Aufarbeitung der Verbrechen und wurde 20 Jahre später unter der Regierung von Néstor Kirchner vorangetrieben.

Die mexikanische Regierung um Präsidentin Claudia Sheinbaum von der linken Partei Morena ist demokratisch gewählt und weit von einer Diktatur entfernt. Aber sie steht unter dem außenpolitischen und wirtschaftlichen Druck der autokratischen US-Regierung. Auch die Verflechtung von Staat und organisierter Kriminalität in Mexiko gibt zu denken. Daher ist es wichtig, dass sich die mexikanische Zivilgesellschaft mit ihrem Protest Gehör verschafft. Auch in Luxemburg.

0 Kommentare