Kommentar
Gläserne Schubladen: Warum BTS vor den Grammys ein wichtiges Zeichen setzen
„Wir hoffen, dass Musik unabhängig von Region oder Sprache gehört und geliebt werden kann – einfach als Musik selbst“, haben alle Mitglieder der Popgruppe BTS aus Südkorea geschrieben. Und damit liegen sie richtig.
Dieser Kommentar handelt nicht davon, ob man die Gruppe gut oder schlecht findet. Fakt ist, BTS sind halt erfolgreich. Foto: AFP/Leonardo Munoz
Ob man sie mag oder nicht, die Nachricht schlug Wellen: BTS, die wohl erfolgreichste Popgruppe aus Südkorea, hat angekündigt, keinen Beitrag für die diesjährigen Grammys einzureichen, obwohl die Chancen für einen Sieg hoch gewesen wären. Grund ist die neu geschaffene „Asian Pop“-Kategorie. Die klingt auf den ersten Blick nach der viel gepriesenen Sichtbarkeit und sicherlich waren die Intentionen dahinter positiv. Gut gemeint, aber eben verbesserungsbedürftig, könnte man dazu sagen.
Allerdings spricht die Reaktion von Grammy-CEO Harvey Mason Jr. Bände. „Die Kategorie ‚Asian Pop‘ wurde ins Leben gerufen, um die Tiefe, Vielfalt und das außergewöhnliche Wachstum der Pop-Kunst aus Asien zu würdigen“, heißt es unter anderem in seiner Antwort, in der er nicht auf die Aussagen der BTS-Mitglieder eingeht und somit den Einwänden der Betroffenen nicht wirklich Gehör verschafft.
Was soll „Asian Pop“ sein? In der offiziellen Vorstellung der Kategorie ist von „zeitgenössischer Popmusik, die aus asiatischen Märkten stammt oder dort weithin bekannt ist“ die Rede, extra hervorgehoben wird jedoch nur Popmusik aus Südkorea, Japan und China. Doch zum Kontinent, dem größten der Welt, gehören ebenso westasiatische Staaten wie der Iran, südostasiatische Länder wie Brunei, der indische Subkontinent mit Ländern wie Pakistan und Zentralasien mit unter anderem Kirgisistan. Nicht mit allen lassen sich jedoch so lukrative Geschäfte machen wie mit Südkorea, Japan und China, die häufig im Westen wie ein Synonym für „Asien“ und nicht selten – zu Unrecht – wie eine Art Dreifaltigkeit der Massenkonsumparadiese behandelt werden.
Kritik an den Grammys und weiteren großen Musikpreisen ist alles andere als neu, vor allem von der Seite von Musiker*innen, die People of color sind. Bereits der Sänger The Weeknd hatte in den vergangenen Jahren wiederholt Korruption bei der Auswahl der Nominierten angeprangert.
Etliche Medien wie Forbes, Esquire oder auch Teen Vogue haben ausführlich beschrieben, warum Kategorien wie „Asian Pop“ und „Latin Pop“ keine echte Wertschätzung sind, sondern Ausgrenzung vielmehr verstärken. Für die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout sind sie ein Versuch, „die westliche bzw. US-amerikanische Pop-Hegemonie oder zumindest Norm institutionell aufrechtzuerhalten“. Indem People of Color als „das exotische Andere“ klassifiziert werden, werden sie außerdem von den Hauptkategorien bei den Grammys ferngehalten, nach dem Motto: Ihr könnt ja unter euch jammern, zu den „richtigen“ Musiker*innen gehört ihr eh nicht.
Gleiche Leistungen, ungleiche Behandlung – und dabei scheint es egal, ob eine Gruppe wie BTS Stadien füllt und den Rekord der Rolling Stones bricht. Das Ziel ist Kontrolle, ein Eingrenzen von nicht-weißen Personen in Schubladen bzw. ein Fernhalten von Bereichen, die angeblich anderen vorbehalten sind.
Sichtbarkeit ist schön und gut, doch wie viel Gleichstellung entsteht, wenn man immer wieder hinter neuen gläsernen Decken zu sehen ist?