Editorial
Solidarität hat keine Parteikarte
Mit allen Mitteln gegen die Katastrophe Foto: Raymond Ginepri
Das Schicksal mutet den Menschen in Luxemburg in diesen Zeiten viel zu.
Nein, man sollte jetzt keine Vergleiche anstellen – mit Geschehnissen aus der Vergangenheit oder anderen Katastrophen. Besonders vor Schuldzuweisungen sollte man sich hüten, vor allem dann, wenn sie politisch motiviert sind. Man sollte einfach nur versuchen zu verstehen, dass gerade eben in diesen Zeiten vielen das Wasser im mehrfachen Sinne des Wortes bis zum Halse steht. Und dass ein Tropfen ausreicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen.
Die starken Regenfälle aus den vergangenen Stunden sind so ein Tropfen. Was die Menschen in dieser Situation vor allem brauchen, sind Verständnis und Hilfe. In einem Wort: Solidarität. Und die Erkenntnis, dass es in der Krise keine Feinde, sondern nur Freunde oder Leidensgenossen geben darf.
Als am späten Mittwochnachmittag das Regenwasser vorne und hinten in ein mehrstöckiges Appartementhaus in Esch eindringt, werden alle Hausbewohner schnell aktiv. Beim Räumen hilft jeder, ob älter oder jünger, Chinese, Franzose, Luxemburger oder Marokkaner, gemeinsam, jeder nach seinen Kräften. Auch Freunde und Familienmitglieder strömen herbei, um zu helfen. So war es sicherlich in vielen Teilen des Landes.
Rund 1.200-mal waren die Rettungskräfte des CGDIS von Mittwoch bis Donnerstagnachmittag im Einsatz. Einmal mehr zeigte sich, dass national koordinierte Hilfeleistung effizienter ist als kommunale Egotrips. Eigentlich ist das eine weitere Ohrfeige für all jene Gemeinden und ihre Schöffenräte, die der Finanzierung des nationalen Rettungsplans (PNOS) nörgelnd gegenüberstehen.
Am späten Donnerstagnachmittag hat die Regierung die Situation als Naturkatastrophe eingestuft. 50 Millionen Euro werden kurzfristig zur Verfügung gestellt. Wie, wann und bei wem sie ankommen, wird man sehen. Auch die Versicherungsgesellschaften werden ihren Teil zur Problembeseitigung beitragen. Das ist gut.
Doch welche Schlüsse kann man über die kurzfristige Hilfe hinaus aus dieser Naturkatastrophe wie auch aus anderen Krisensituationen ziehen? Zunächst einmal, dass Sprache, Nationalität, Religion und Hautfarbe nun wirklich keine Rolle spielen, wenn es darum geht, sich gegenseitig zu helfen. Merken sollte man sich dann aber auch, dass jene, die parteipolitisches Kapital schlagen wollen aus einer Krise – sei es das Hochwasser oder beispielsweise auch Corona – eine sehr erbärmliche Figur abgeben.
Das Parteipolitische hat seine Bedeutung verloren. Lange schon. Besonders, wenn die Menschheit in einer Krise steckt. Und in einer solchen steckt sie eigentlich permanent. Hochwasser, Dürren oder Viren sind Ausdruck einer Situation, aus der wir nicht mehr herauskommen. Das sollte man nicht zu dramatisch sehen, es ist halt so. Allerdings sollte man sich bewusst werden, dass Grabenkämpfe jeglicher Art der Lösungsfindung nicht förderlich sind. Solidarität hingegen schon. Denn nicht nur in der Pandemiebekämpfung gilt, dass wir alle Teil des Problems sind, aber auch Teil der Lösung. Dies sollte man einsehen, bevor das Wasser uns bis zum Halse steht.