Editorial
Sauce hollandaise: Warum das Jury-Urteil zu Marie Schreiber ein Skandal ist
Marie Schreiber war am Samstag bei der Cyclocross-Europameisterschaft die stärkste Fahrerin. Geschlagen geben musste sie sich letztlich nicht auf der Strecke, sondern durch eine Jury-Entscheidung, die Fragen aufwirft.
Marie Schreiber fuhr am Samstag als Erste über den Zielstrich, wurde dann von der Jury jedoch auf Platz Zwei zurückgestuft Foto: FSCL/Hugo Barthélemy
Ganz schlicht: Die Entscheidung, Marie Schreiber den Europameistertitel abzuerkennen, weil sie Lucinda Brand im Zielsprint behindert haben soll, ist nicht nachzuvollziehen. Dass ausgerechnet Brand selbst anschließend erklärte, Schreiber habe im Sprint nichts falsch gemacht, verstärkt diesen Eindruck noch. Am Samstag konnte man sogar das Gefühl gewinnen, dass sich die Niederländerin selbst mit der Jury-Entscheidung schwertat. Die Zweifel waren den Beteiligten deutlich anzusehen. Denn eines schien für viele festzustehen: Schreiber hatte sich den Titel auf der Strecke verdient.
Doch wie lässt sich eine solche Jury-Entscheidung erklären? Fehlt Luxemburg die Lobby im internationalen Radsport? Hatte Brand als Niederländerin einen Vorteil? Fragen, die nach diesem Rennen unweigerlich im Raum stehen. Liebe Leser, eine Antwort darauf werden Sie in diesem Leitartikel nicht finden.
Fakt ist jedoch: Die Jury setzt sich aus zwölf Personen zusammen. Der Italiener Ernesto Maggioni war Jury-Präsident und hatte somit das letzte Wort. Hinzu kamen ein technischer Kommissar aus Belgien, ein UCI-Kommissar aus Kroatien sowie neun weitere Kommissare. Eine davon kommt aus den USA, die übrigen acht – Überraschung – aus den Niederlanden.
Eine enorme Tragweite
Die Entscheidung hat eine enorme Tragweite. Im Radsport gehören Sprints wie jener zwischen Schreiber und Brand zum Alltag. Fast täglich kämpfen Fahrerinnen und Fahrer um Positionen, kommen sich gefährlich nahe und berühren sich. Nicht selten geht es dabei deutlich ruppiger zu als zwischen Brand und Schreiber. Dass ausgerechnet in diesem Fall eine Rückstufung ausgesprochen wurde, wirft deshalb grundsätzliche Fragen auf. Bei der Tour de France müssten nach dieser Auslegung wohl gleich mehrere Fahrerinnen und Fahrer bei nahezu jedem Sprint zurückgestuft werden.
Schreibers Entscheidung, anschließend nicht auf das Podium zu steigen, war letztlich die richtige und hatte nichts mit dem Image einer schlechten Verliererin zu tun. Nach dem Jury-Urteil war die Luxemburgerin verständlicherweise am Boden zerstört und schlicht nicht in der Verfassung, an der Siegerehrung teilzunehmen. „Sie war in keinem Zustand“, erklärte Christian Helmig, technischer Direktor der FSCL. Wahre Stärke bewies Schreiber dennoch, indem sie es in die Mixed Zone schaffte und sich dort, sichtlich bemüht, ihre Tränen zurückzuhalten, den Fragen der Journalisten stellte. Erst als sie den Bereich verließ, brachen ihre Emotionen endgültig aus ihr heraus.
„Siegerin der Herzen“ als schwacher Trost
Dass Schreiber von vielen Fans und auch von Teilen der internationalen Presse als „Siegerin der Herzen“ gefeiert wird, ist für sie nur ein schwacher Trost. Die 23-Jährige hatte nach schwierigen Monaten ein nahezu perfektes Rennen gezeigt und sich diesen großen Moment verdient. Statt im Trikot der Europameisterin muss sie sich am Ende als Vize-Europameisterin zufriedengeben. Ein bitterer Ausgang, der besonders deshalb schmerzt, weil ihr die Entscheidung eines Gremiums das genommen hat, was sie sich auf der Strecke erarbeitet hatte.
Vielleicht bekommt diese Geschichte Ende Januar bei der Weltmeisterschaft in Ostende ihre sportliche Fortsetzung. Schreiber wird dort erneut die Chance haben, zu zeigen, was sie kann. Doch eigentlich sollte eine Sportlerin nicht darauf angewiesen sein, einen aberkannten Titel bei nächster Gelegenheit zurückzuholen. Einen Europameistertitel darf man einer Athletin nicht auf diese Weise nehmen. Schon gar nicht mit einer Entscheidung, die so viele Fragen offenlässt.