Skandal-Entscheidung in den Niederlanden

Marie Schreiber: „Das ist respektlos“

Marie Schreiber wurde bei der Cyclocross-EM nach einer Jury-Entscheidung auf Rang zwei zurückgestuft, weil sie Lucinda Brand im Zielsprint behindert haben soll. Eine Entscheidung, die viele Fragen aufwirft.

Marie Schreiber setzte sich im Zielsprint gegen Weltmeisterin Lucinda Brand durch

Marie Schreiber setzte sich im Zielsprint gegen Weltmeisterin Lucinda Brand durch Foto: AFP/Sem van der Wal

Völlig entkräftet und von ihren Emotionen überwältigt lag Marie Schreiber auf dem Boden. Soeben hatte sie die Niederländerin Lucinda Brand im Zielsprint geschlagen und sich damit den Europameistertitel gesichert. Nach Monaten voller Rückschläge ließ die 23-Jährige ihren Gefühlen freien Lauf. Die Tränen waren Ausdruck der Erleichterung und Freude über einen Erfolg, den sie sich nach einem perfekten Rennen verdient hatte.

Doch kurz nach 16 Uhr, das Rennen war um 15.51 Uhr zu Ende gegangen, machte sich rund um das Podium plötzlich Unruhe breit. Schreiber war bereits gemeinsam mit Brand und der Drittplatzierten Ceylin Alvarado hinter die Kulissen des Podiums gegangen, als Brand und die Luxemburgerin den Bereich unerwartet wieder verließen. Nur wenige Minuten später folgte ein erstes deutliches Indiz dafür, dass sich an der ursprünglichen Reihenfolge etwas geändert hatte: Ein UEC-Offizieller hängte die bereits vorbereitete luxemburgische Flagge, die zunächst zwischen zwei niederländischen Flaggen platziert gewesen war, kurzerhand an die linke Seite. Schreiber sollte offenbar nicht als Europameisterin geehrt werden, sondern als Zweitplatzierte.

Kein Protest vom niederländischen Team

Zunächst wusste niemand so recht, was vor sich ging. Dass etwas passiert sein musste, war allerdings offensichtlich. Nach minutenlangem Warten herrschte schließlich Gewissheit: Die Jury hatte im Zielsprint einen Regelverstoß von Schreiber festgestellt. Die Luxemburgerin soll Brand im Sprint dabei behindert haben. Bemerkenswert war, dass die Entscheidung nicht etwa auf einen Protest des niederländischen Teams zurückging, sondern von der Jury selbst getroffen worden war.

Es ist einfach respektlos, mir den größten Moment meiner Karriere so zu stehlen.

Marie Schreiber

Die Folge: Schreiber wurde auf Platz zwei zurückgesetzt, die Niederländerin zur Europameisterin erklärt. Sanne Cant, Schreibers Trainerin bei SD Worx-Protime, riet ihr daraufhin, nicht zur Siegerehrung zu gehen. Schreiber folgte diesem Rat, sodass der zweite Platz auf dem Podium leer blieb. Ein Statement, das durchaus nachvollziehbar ist, zumal es im Radsport schon deutlich schlimmere „Vergehen“ gegeben hat, die ungeahndet blieben. Am Ende handelt es sich nicht einfach um eine fragwürdige Entscheidung, sondern um eine Skandalentscheidung – und das zugunsten einer Niederländerin auf niederländischem Boden.

Schreiber: „Das ist respektlos“

Als Zweitplatzierte musste sich Schreiber anschließend den Medien stellen. „Das ist respektlos“, sagte sie mit Tränen in den Augen. „Die UCI und die UEC stehen immer für sauberen und fairen Sport. Und dann tun sie so etwas – das ist nicht fair. Lucinda hat selbst zu mir gesagt, dass ich nichts falsch gemacht habe und sie ohnehin nicht an mir vorbeigekommen wäre. Es ehrt sie, dass sie das sagt, aber es ändert nichts an der Entscheidung der Jury.“

Präsident der Jury bei diesen Cyclocross-Europameisterschaften ist der Italiener Ernesto Maggioni. „Ich habe der Jury gesagt, dass es ein Sprint nach 50 Minuten hartem Rennen ist und ich mit einem Puls von 190 ins Ziel komme. Ich bin nur ein wenig nach links gefahren. Jeder, der Radrennen verfolgt, weiß, dass das in so einer Situation normal ist. Ich habe die Tür nicht zugemacht. Lucinda weiß das und sie sagt es selbst. Es ist einfach respektlos, mir den größten Moment meiner Karriere so zu stehlen. Wenn man fair ist: Jeder sieht, dass ich klar gewonnen habe. Wenn ich mit zwei Zentimetern gewinnen würde, dann würde ich es verstehen. So ist es respektlos.“

Undurchsichtige Entscheidung

Auch zu ihrem verweigerten Auftritt auf dem Podium äußerte sich Schreiber: „Ich wollte eigentlich hingehen, weil ich mir dachte, dass jeder mich hassen würde, wenn ich nicht hingehe. Aber Sanne (Cant) hat mir gesagt, dass ich mich so nicht behandeln lassen soll. Ich schulde ihnen nichts. Es ist hart, jetzt hier (in der Mixed-Zone) zu stehen. Es wäre noch viel härter gewesen, auf dem Podium zu stehen.“

Lucinda Brand gratulierte Schreiber kurz nach dem Rennen zum Sieg

Lucinda Brand gratulierte Schreiber kurz nach dem Rennen zum Sieg Foto: AFP

Am Ende bleibt eine Entscheidung, die nur schwer nachzuvollziehen ist. Dass sie zudem von der Jury ausging und nicht einmal auf einen Protest der niederländischen Mannschaft zurückzuführen war, macht die Umstände umso undurchsichtiger. Für einen kurzen Moment hätte dieser Erfolg nicht nur einen großen Tag für den luxemburgischen Radsport bedeutet, sondern für das ganze Land - und vor allem für Schreiber, die sich den Titel nach einem sauberen Rennen verdient hätte. Nach einer solchen Entscheidung bei einer Europameisterschaft darf man nun gespannt sein, wie die Jury künftig mit vergleichbaren Situationen in anderen Sprints umgehen wird.

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