Forum

SARS-CoV-2: Das Kind im Brunnen und wie es so weit kommen konnte 

März 2020. Notstand. Fast jeden Tag tritt die Regierung mittlerweile vor die Kameras und Mikrofone, um die Bevölkerung über die dramatische Lage in Sachen Coronavirus auf dem Laufenden zu halten. Und um gebetsmühlenartig zu verkünden, wie schmerzhaft, aber wichtig die Einhaltung der verordneten Maßnahmen für uns alle ist. Höchste Aktivität – jetzt, urplötzlich. Bis zu drei Monate soll das Land im Notstandsmodus laufen.

SARS-CoV-2: Das Kind im Brunnen und wie es so weit kommen konnte 

Montage: Lavinia Breuskin

Die Fakten sind klar: Das, was zu Beginn des Winters auf einem Markt im chinesischen Wuhan seinen Anfang nahm, hat sich zu einer waschechten Pandemie entwickelt. Lange klang die Politik, bei uns wie in den Nachbarländern, noch ganz anders: Es müsse der „möglichen“ weiteren Ausbreitung des neuartigen Coronavirus „mit Ruhe und Besonnenheit“ begegnet werden. Tenor: „Wir haben das im Griff, wir sind für den Notfall gut gerüstet“. Spätestens Mitte Februar konnte sich jeder halbwegs informierte und denkfähige Mensch eigentlich ausmalen, was da noch auf uns zukommen würde. Und sich, als das Ganze in Norditalien bedenklich zu kochen anfing, Gedanken über seine eigene Schutzstrategie für den Tag X machen. Ganz ohne politische Anleitung.

Im Endeffekt ist es nun leider so, dass sowohl der Mensch (nicht jedes Individuum, aber das Herdentier, quasi das Indivi-dumm) als auch die politische Kaste viel zu lange über die Tragweite – gesundheitlich wie wirtschaftlich – nicht im Bilde waren. Bei allem Verständnis für das nervöse Bemühen, das Bettel, Macron u.v.a. mittlerweile an den Tag legen, bei aller Einsicht, dass jetzt, da das Kind ach so überraschend doch in den Brunnen gefallen ist, wir alle die Suppe schön solidarisch auslöffeln müssen: Es wurde verpennt!

Italien, China und die „Partita zero“

Noch mal von vorne: Im Norden Italiens arbeiten zigtausende Chinesinnen und Chinesen für Dumpinglöhne in schamhaft versteckten Textilateliers, sogenannten Sweatshops, die auch teure Marken beliefern – Stichwort „Made in Italy“. Klingt besser als „Made in China“. Es leben heute offiziell 321.000 Chinesen in Italien, inoffiziell sind es wohl deutlich mehr. Dass manche von ihnen zur Jahreswende in die Heimat reisen, und irgendwann zurückkommen, hätte in Europas Stiefel angesichts der Gesundheitslage im Reich der Mitte durchaus antizipiert werden können. Das geschah mitnichten – stattdessen wurde eine Scheinsuche nach dem „Patienten null“ in Norditalien inszeniert.

Was folgte, lässt sich durchaus mit der Titanic-Katastrophe anno 1912 vergleichen: Munter mit Trara ins Verderben! Ein fatales Puzzlestück dazu war, da sind sich viele Epidemiologen einig, das Champions-League-Spiel Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia am 19. Februar in Mailand: Nach diesem „Spiel null“ mit 44.000 Zuschauern explodierten innerhalb von 14 Tagen die Corona-Fälle in Oberitalien. Nebenbei wurden Viren nach Spanien exportiert, als dort die Luft fast noch „rein“ war.

In vielen Ländern wird die Sache erst registriert, als auf Teneriffa nach dem 20. Februar Hotelgäste (und auch Heimkehrer bei uns) in Schutzquarantäne müssen. Im deutschen Rheinland wird in derselben Woche Karneval gefeiert, als ob nichts wäre (was kümmern einen schon Italien und die ersten paar Corona-Fälle bei einer bayrischen Firma ...), die Zahl der Covid-19-Erkrankten im Kreis Heinsberg bei Aachen geht bis heute durch die Decke. In Berlin, bis dahin fast Corona-frei, steppt der Party-Bär. Und auch in der Fußball-Bundesliga: Es wird munter weitergespielt, vor vollen Zuschauerrängen, am letzten Februar-Wochenende; einziges Gesprächsthema: die Anfeindungen gegen Mäzen Dietmar Hopp. Corona? Ach was. Heute: nationaler Notstand in Deutschland.

Titanic, die Nächste – Mulhouse, Haut-Rhin, 17.-21. Februar: Eine knappe Woche lang beten und lieben und umarmen sich Anhänger der Freikirche „Porte ouverte“ und quasi mit göttlichem Segen bildet sich der nächste große Epidemie-Herd. Heute: Corona-GAU im Elsass, nationaler Notstand in Frankreich.

Feiern, bis der Arzt kommt

Und weitergefeiert wird – auch hier im Ländchen zieht keiner die Notbremse, nachdem sich in den ersten März-Tagen die zwei ersten Covid-19-Fälle bestätigen. In Düdelingen ist am 7. März „Zeltik“-Festival angesagt – internationale Bands dürfen wie die standhaften Gallier in teils nahem Kontakt mit dem Publikum gegen die zunehmenden Virus-Warner und Miesmacher anmusizieren. Versammlungsverbote? Fehlanzeige! Heute: nationaler Notstand in Luxemburg.

Dem Ganzen im wahrsten Sinne des Wortes die Krone (spanisch „corona“) aufgesetzt wird am selben Wochenende (7./8. März) in den Straßen von Madrid, um den Internationalen Frauentag mit Pauken und Trompeten und zigtausenden(!) Teilnehmer(inn)en, politische Akteure inklusive, zu feiern. Vier Tage später: Covid-19 explodiert und in Spanien wird der nationale Notstand ausgerufen. Mittlerweile ist die Lage dort ähnlich katastrophal wie in Italien.

Weitere Infektionsherde sind längst entstanden, so in Südtirol. Und auf der österreichischen Seite, in Ischgl, geht die Ski- und Après-Ski-Gaudi bis weit in den März hinein munter weiter – mit den bekannten Folgen in Tirol wie auch für die Herkunftsregionen vieler, die dort (wirklich anhnungslos?) Ferien machten. Hier die Spaßgesellschaft, da die verdrängte Corona-Gefahr.

Politik im Tiefschlaf

Und die Politik, was tat sie die ganze Zeit? – Sie schlief! Ihre ersten Appelle zu einem gewissen „Social Distancing“ verpufften zudem weitestgehend; erst um die Monatswende kamen in manchen Ländern zaghafte Verordnungen zur Begrenzung der Besucherzahlen bei Großveranstaltungen: zunächst auf 1.000 (eine Farce!), und danach wurde nur scheibchenweise „heruntergeflickt“. Emmanuel Macron (Frankreich) und Simonetta Sommaruga (Schweiz) gehörten zu den ersten Staatschefs, die überhaupt reagierten. Deutschland, auf seine gute Gesundheitsinfrastruktur vertrauend, zog nur zögerlich nach. Und in Luxemburg wurden sage und schreibe erst am 11. März (!) Versammlungen mit über 1.000 Leuten (!) verboten.

Die Fallzahlen steigen, wen wundert’s, rapide weiter, die Menschen kriegen Angst, kaufen Klopapier – und auf einmal herrscht selbst bei der Politik Panik auf der Titanic: Eisberg voraus, Maschinen stopp! – Nur: Wie das Schiff so schnell abbremsen? Die von der Regierung hektisch eingeleitete Notbremsung kann nur noch verhindern, dass es bei uns zu italienischen Verhältnissen kommt – nicht aber den Zusammenprall mit dem Eisberg an sich.

Stark zu hoffen ist, dass jetzt bei wirklich jedem die Botschaft des unbedingten „Social Distancing“ angekommen ist. Dass auch die letzten Unbeugsamen, die sich in „normalen“ Zeiten in öffentlichen Anlagen oder freitagnachts an einer bekannten Leudelinger Tankstelle zusammenrotten, um zu „chillen“ oder Party zu machen, verstehen, dass das Wort Herdenimmunität nicht bedeutet, dass ihr zwanghaftes Gruppenverhalten sie immun gegen das Virus machen würde. Es ist wichtig, dass in solchen Fällen nun strikt durchgegriffen wird.

Den Mittelweg finden

Es muss allerdings davor gewarnt werden, das Kind (das andere, das noch nicht im Brunnen liegt) jetzt gleich wieder mit dem Bade auszuschütten, sprich eine komplette Ausgangssperre zu verhängen, eine Art Polizeistaat auszurufen und so die Mehrheit der Bevölkerung – die mittlerweile selbst weiß, wie sie sich und andere zu schützen hat – in ein kriegsähnliches Szenario zu versetzen. Im Gegensatz zu Spanien oder Frankreich muss es weiterhin möglich bleiben, sich allein im öffentlichen Raum zu bewegen. Diszipliniert, auf Distanz zu anderen! Das muss genügen. Wir sind nicht im „Krieg“ (wie Macron, Trump und gelegentlich auch Bettel sich auszudrücken pflegen), sondern in einem ernst zu nehmenden Kampf gegen ein tückisches Virus. Nicht mehr und nicht weniger.

Das jetzige Krisenmanagement von Gesundheitsministerin Paulette Lenert wirkt überzeugend. Dass das Verhalten unserer und anderer Regierungen noch im Vormonat alles andere als pro-aktiv war, darüber hüllt man aktuell lieber den Mantel des Schweigens. Das System steuert jetzt bei den Covid-19-Fällen auf den „Peak“ zu. Wenn die Gesellschaft die aktuellen Regeln befolgt, sollte sich die Kurve der Neuinfektionen bis Mitte April abflachen. Entwarnung darf das noch nicht heißen: Der Sommer könnte das wenig hitzebeständige Virus zwar abschwächen, Vorsicht mit Kontakten bleibt trotzdem geboten, solange sich noch keine natürliche Herdenimmunität eingestellt hat. Hoffnung versprechen erste Ansätze zu Medikamenten und Impfstoffen. Letztere müssen jedoch zunächst längere Testphasen durchlaufen. 

Schwerwiegender dürften langfristig die Folgen für die Wirtschaft sein. Um diese abzufedern, braucht es Unterstützung und Augenmaß. Das Firmen- und Geschäftsleben muss, nach einer gewissen Zeit auf Sparflamme, weitergehen. Davon hängen einfach zu viele menschliche Existenzen ab. Der wirtschaftliche und auch gesellschaftliche Schaden eines allzu langen Shutdowns riskiert weit schlimmer zu werden als die rein gesundheitlichen Folgen von Covid-19. Ein regelrechtes Dilemma für die Politik, die nun zwischen den Rufen der Ökonomie und dem Gebot der Volksgesundheit einen goldenen Mittelweg finden muss. 

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Forum de René Kollwelter

Lionel Jospin un exemple, une fois n’est pas coutume

Forum

Die große monetäre Illusion: Der Anstieg der Aktienmärkte in einer fragilen Welt