Editorial
Powered by Jesus: Der Grabraub von Bettemburg als logische Konsequenz der Energiewende
Der Grabraub von Bettemburg war kein Akt der Gotteslästerung, sondern kalte Berechnung. Denn die Energiewende treibt den Kupferpreis in Rekordhöhen und Friedhöfe sind unbewachte Lagerstätten.
Ein Kreuz für die Energiewende Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante
Rund 12.500 Euro kostet eine Tonne Kupfer derzeit an der Metallbörse London Metal Exchange. Die weltweit angespannte Sicherheitslage hat die Lieferketten überdehnt, gleichzeitig explodiert ob der Energiewende die Nachfrage nach dem Buntmetall. Kupfer wird hauptsächlich in Südamerika, speziell in Chile und Peru, gefördert. Seit Januar 2025 unterhält die EU ein Handelsabkommen mit Chile, unter anderem wegen der Kupfer- und Lithiumvorkommen des Andenlandes. Aber die zweite Säule der europäischen Kupferproduktion ist Recycling von Elektroschrott und Altmetall. Und zum Altmetall gehören unter anderem Friedhofskreuze. Oder drastischer gesagt: In Ihrem neuen Elektroauto ist möglicherweise auch ein eingeschmolzener Jesus verbaut.
Was für manche Ohren wie eine Provokation klingt, ist in Bettemburg Realität geworden. In der Nacht auf den 4. August haben Unbekannte dort von 67 Gräbern sämtliche Metallteile abgerissen: Kreuze, Jesusfiguren, Zierrat. Bürgermeister Jean-Marie Jans, gefragt nach dem Motiv, kommt ohne jede Soziologie aus: „Hier ging es ums Stehlen.“
Der Satz entzaubert den Fall gründlicher als jede Empörung. Ein Vandale hätte umgeworfen, zertrümmert, beschmiert, er hätte eine Botschaft hinterlassen. Hier wurde nichts umgeworfen. Hier wurde abmontiert, und was abmontiert wird, wird anschließend gewogen. Es gibt in dieser Geschichte keinen Hass, keine Ideologie und keine Blasphemie, sondern eine Kalkulation.
Und die Kalkulation ist erbärmlich. Ein bronzenes Grabkreuz wiegt wenige Kilogramm, der Altmetallhändler zahlt dafür ein paar Euro pro Kilo, macht für den gesamten Friedhof von Bettemburg vielleicht eine vierstellige Summe. Aufgeteilt auf 67 Familien also den Gegenwert einer Pizza pro Grab. Dafür werden in den kommenden Tagen 67 Anrufe vom „Etat civil“ geführt, in denen Menschen erfahren, dass vom Grab ihrer Nächsten etwas fehlt. Das Missverhältnis zwischen dem, was zerstört wurde, und dem, was dabei herauskommt, ist das eigentlich Verstörende an diesem Fall.
Historisch ist daran übrigens wenig neu, und genau deshalb lohnt sich ein Vergleich. Geweihtes Metall ist immer wieder eingeschmolzen worden, Kirchenglocken in beiden Weltkriegen, Bleidächer im Dreißigjährigen Krieg. Römische Tempel dienten mittelalterlichen Bauherren als Steinbruch. Nur brauchte es dafür bislang eine Katastrophe. Es brauchte Krieg oder blanke Not, also eine Ausnahmesituation, die den Zugriff auf das Unantastbare überhaupt erst denkbar machte. In Bettemburg tat ein Börsenkurs den Dienst.
Wer daraus einen Verfall der Sitten ableiten will, macht es sich zu leicht. Das Kreuz stand sechzig Jahre unangetastet auf dem Grab, nicht weil es geschützt gewesen wäre, sondern weil es nichts wert war. Der Respekt vor der Herkunft, den wir uns gerne als moralische Leistung zuschreiben, war über weite Strecken ein Ergebnis fehlender Nachfrage. Der Grabraub von Bettemburg ist weniger der Verlust einer Haltung als ein Sieg von Angebot und Nachfrage.
Die Kreislaufwirtschaft, die wir zu Recht als Fortschritt verbuchen, kennt keine Kategorie für Unantastbarkeit. In einem System, das alles verwertbar macht, ist die Vergangenheit kein geschützter Bereich mehr, sondern eine Vorratskammer. Der Friedhof ist die letzte unbewachte Lagerstätte Europas.
Höhere Mauern helfen nicht, Videoüberwachung auf Friedhöfen erst recht nicht, und die Gemeinde Bettemburg wird beides prüfen müssen, ohne dass es etwas ändert. Ein Diebstahl von zweihundert Kilogramm Bronze funktioniert nur, wenn am anderen Ende jemand bar bezahlt und keinen Ausweis sehen will. Genau dort, im Ankauf und nicht auf dem Friedhof, entscheidet sich, ob Grabraub sich lohnt. Und ob Jesus weiterhin eingeschmolzen wird, um Solarzellen und E-Autos zu bauen.