Editorial

Pferde, Hunde und Lemminge: Luxemburgs Medien während der Corona-Krise

Zwischen Bagatellisierung der Pandemie und ermüdendem Dauerwarnsystem: Journalismus in der Coronakrise

Zwischen Bagatellisierung der Pandemie und ermüdendem Dauerwarnsystem: Journalismus in der Coronakrise Foto: Pixabay

Was haben Rennpferde, Wachhunde und Lemminge gemeinsam? Richtig: Sie helfen, journalistische Leistungsverständnisse und Fehlleistungen zu beurteilen. Was soll das? Medienkritik nicht automatisch mit „Covidiot“ gleichzusetzen. Obschon so manche Wortmeldung in die Kategorie Aluhut fällt, sollte man sich davor hüten, „vun uewen erof“ zu urteilen. Das zeigen die jüngsten empirischen Ergebnisse des Schweizer Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög). Arg vereinfacht kommen die Wissenschaftler zu folgendem Schluss: Gar nicht mal so schlecht die Berichterstattung über die Corona-Krise. Doch Sie ahnen es: Die Sache hat einen Haken. Nicht alles läuft glatt. Das Bemerkenswerte an den Befunden: Sie dienen nicht nur der Beurteilung der Schweizer Berichterstattung, sondern lassen auch Parallelen zu Luxemburg erkennen.

Fangen wir bei den Rennpferden an. Obschon das Zahlenmaterial der „Santé“ und europäischer Behörden inzwischen kritisch hinterfragt wird, war auch in Luxemburg eine Zahlenfixierung beobachtbar. Umgangssprachlich beschreibt man diesen Trend als Horse-Race-Berichterstattung. Die Kritik: Infektions- und Todesraten wie Resultate in Sporttabellen klatschen. Statt die für die Demokratie bedrohliche Situation zu analysieren, gerät der sanitäre Rennverlauf dadurch in den Vordergrund. Vereinfacht ausgedrückt: Die Corona-Statistiken unterhalten, treiben die Mediennutzungszahlen in die Höhe und lassen kaum hintergründige Einordnungen zu ihrem Einfluss auf Politik und öffentliche Gesundheit zu. Diese Einschätzung passt sicherlich zur Phase des Lockdowns: Die verschiedenen Indikatoren der Corona-Krise wurden nicht miteinander in Verbindung gesetzt. Auf politischer Ebene nicht, weil das Zahlenmaterial kaum koordiniert wurde. In der Berichterstattung nicht, weil der quasi inexistente Wissenschaftsjournalismus innerhalb weniger Tage und Wochen geboren werden musste. Dass dieser bis heute viel PR-Material der Covid-19-Taskforce wiederkäut, ist kein rein luxemburgisches Phänomen: Ein ähnlicher Trend ist in der Schweiz erkennbar und wohl der Komplexität des Themas geschuldet.

Dabei wäre ein Kiefer mit großer Beißkraft gefragt. Denn bislang scheint unklar zu sein, ob die drastischen Maßnahmen wie der Lockdown zwingend notwendig waren. Gerade in der Vorbereitungsphase und während des Lockdowns fehlten stellenweise journalistische Wachhunde: „Die weitreichenden, bislang in der Demokratie nie dagewesenen Eingriffe waren zwischen einzelnen Experten und der Exekutive im Hinterzimmer verhandelt und anschließend lediglich verlautbart worden (…). Ob sie im Detail notwendig, zielführend oder nicht auch willkürlich und widersprüchlich waren, wurde kaum recherchiert und thematisiert“, urteilt der Medienexperte Klaus Meier.

Besonders interessant ist seine Beobachtung, dass eine Entwicklung vom Frühwarn- zum Dauerwarnsystem stattfinde. Plump formuliert: Wer täglich die nächste Welle beschwört, trägt zur Corona-Müdigkeit und dem Vertrauensverlust der Menschen bei. Mindestens genauso gefährlich ist jedoch das Befürworten oder Ignorieren von Krisenpotenzial: Markthörige Wirtschaftsjournalisten wurden Ende der 2000er Jahre als Lemminge bezeichnet, weil sie die Vorboten der Finanz- und Wirtschaftskrise verschlafen hatten.

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