Editorial
Mein Körper, meine Debatte
Frauenkörper sollten im Jahr 2026 nicht mehr Gegenstand einer öffentlichen Diskussion sein. Aber was, wenn dieser Körper Vorbild für Millionen ist – und ein Problem hat?
Ariana Grande bei der Premiere von „Wicked For Good“ im vergangenen Jahr in London Foto: Scott A Garfitt/Invision/dpa
Ariana Grande nimmt sich eine Auszeit. Das allein ist sicherlich keine News, die einen Leitartikel rechtfertigt. Auch nicht, wenn es sich bei der betreffenden Person um eine berühmte Sängerin handelt, die mittlerweile eine noch berühmtere Schauspielerin ist (die gute Hexe Glinda in den „Wicked“-Filmen und diesen Herbst neues Familienmitglied in „Meine Frau, unsere Schwiegertochter und ich“). Ariana Grande zieht sich also aus der Öffentlichkeit zurück. Der Grund: „endless, ongoing public scrutiny“, wie ihr Öffentlichkeits-Team verlauten lässt, endlose und anhaltende öffentliche Kritik.
Nun ist es zunächst schwer, Mitleid zu haben mit einem Star, der ein Vermögen gemacht hat mithilfe dieser Öffentlichkeit. Aber der Fall Ariana Grande weist natürlich ebenso auf etwas Größeres hin, nämlich darauf, dass insbesondere Frauenkörper auch heute noch unter ständiger Beobachtung stehen und ständiger Bewertung unterzogen werden. Gewichtszunahme, Gewichtsverlust, Botox hier, Hyaluron-Filler da. Umso schlimmer, wenn der betreffende Körper in der Öffentlichkeit steht. Die ehemalige deutsche Grünenvorsitzende Ricarda Lang hat das erlebt. Und auch ihre luxemburgische Schwesterparteikollegin Djuna Bernard, die nach den vergangenen Wahlen entschied, gesünder zu leben und mehr Sport zu treiben – begleitet von vielen ungefragten Ratschlägen und Kommentaren, wie die Abgeordnete kürzlich gegenüber dem Wort erklärte.
Frauenkörper sollten im Jahr 2026 also eigentlich nicht mehr Gegenstand einer öffentlichen Diskussion sein. Aber was, wenn dieser Körper Vorbild für Millionen ist – und ein Problem hat?
Im Fall Ariana Grandes ist das eine lange Geschichte. Ihr Aussehen ist schon seit Teenager-Tagen Diskussionsstoff, vor allem weil sie in den vergangenen Jahren immer sichtbarer Gewicht verloren hat. Nicht wenige vermuten, dass sie an Anorexie leidet. Tatsächlich kursieren schon länger Bilder von Grande in sogenannten „Pro Ana“- und „Pro Mia“-Foren im Internet, in denen Magersucht („Ana“ für Anorexia nervosa) und Ess-Brech-Sucht („Mia“ für Bulimia nervosa) verherrlicht und als Schönheitsideal gefeiert werden.
Grande selbst hat mehrfach darum gebeten, die Kommentare über ihren Körper einzustellen. Ihr jüngstes Musikvideo „Petal“ thematisiert genau das. Darin taucht Grande in unterschiedlichen Outfits bei einem Casting auf, in dem ihr Aussehen und ihre Performance immer wieder von einer Jury aus drei Männern bewertet und abgelehnt wird, bis sie die Juroren schließlich mit einer Kettensäge zerstückelt. Die Botschaft ist nicht subtil. Und dennoch finden sich unter dem Video wiederum mehr Kommentare über ihr Äußeres und ihre Gesundheit als über ihre Musik.
Es ist ein Dilemma. Auch Grande hat selbstverständlich ein Recht auf ihre Ruhe. Doch was ist mit den Hunderten Millionen von Kindern und Teenagern, die ihre Bilder konsumieren? Bilder, die dazu beitragen, ein Körperbild zu propagieren und zu normalisieren, das nicht normal ist.
Es braucht ganz dringend eine sichtbare und öffentliche Debatte über die unrealistischen Schönheitsideale unserer Gesellschaft, mit denen über Social Media immer jüngere Kinder und Jugendliche indoktriniert werden – und die physischen wie psychischen Schäden, die mit ihnen einhergehen. Nur muss dafür bitte keine einzelne Frau an den öffentlichen Pranger gestellt werden. Vielleicht kann der Fall von Teenager-Idol Ariana Grande ein Gesprächseinstieg sein, aber die Debatte, die betrifft uns schon alle. Und unsere Körper.