Leserforum
Leserbeitrag zum Artikel „Warum sich der Iran nicht ändern wird“
Sehr geehrter Herr Chefredakteur,
mit großem Interesse habe ich den im Tageblatt veröffentlichten Beitrag „Warum sich der Iran nicht ändern wird“ gelesen. Der Artikel beschreibt zutreffend die extreme Brutalität und die systematische Unterdrückungsstrategie der Islamischen Republik. Dennoch halte ich eine wesentliche Klarstellung für notwendig.
Aus der Tatsache, dass die iranische Bevölkerung während der jüngsten militärischen Auseinandersetzungen nicht geschlossen auf die Straße gegangen ist, darf keinesfalls geschlossen werden, dass sie das Regime unterstützt oder sich mit ihm identifiziert.
Das Schweigen vieler Menschen ist kein Zeichen der Zustimmung, sondern vor allem Ausdruck einer tiefen und sehr begründeten Angst. Die Menschen wissen, dass bereits die Teilnahme an einer Demonstration, ein kritischer Beitrag in den sozialen Medien oder die Unterstützung eines Oppositionellen zu Verhaftung, Folter, langjährigen Gefängnisstrafen oder sogar zur Hinrichtung führen kann. Ein Regime, das selbst Jugendliche und friedliche Demonstranten mit äußerster Gewalt verfolgt, hinterlässt in der gesamten Gesellschaft ein Klima der Einschüchterung.
Die iranische Bevölkerung hat ihren Wunsch nach Veränderung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder deutlich zum Ausdruck gebracht: bei den Studentenprotesten, der Grünen Bewegung, den landesweiten Protesten von 2017 und 2019 sowie zuletzt in der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Tausende Menschen haben für diesen Wunsch nach Freiheit ihre Gesundheit, ihre Zukunft oder sogar ihr Leben geopfert.
Dass sich ein solcher Protest nicht jederzeit wiederholen lässt, bedeutet nicht, dass die Bevölkerung ihre Haltung geändert hat. Es bedeutet vielmehr, dass ein unbewaffnetes Volk einem hochgerüsteten Machtapparat gegenübersteht, der über Revolutionsgarden, Basidsch-Milizen, Geheimdienste, Gefängnisse und einen vollständig abhängigen Justizapparat verfügt.
Hinzu kommt die große Enttäuschung über die internationale Gemeinschaft. Viele Menschen im Iran haben den Eindruck, dass ihre Forderungen nach Freiheit und Menschenrechten zwar mit Worten unterstützt werden, sie in den entscheidenden Momenten jedoch weitgehend allein gelassen werden. Geopolitische und wirtschaftliche Interessen haben allzu oft Vorrang vor einer konsequenten Unterstützung der iranischen Zivilgesellschaft.
Auch ein militärischer Angriff von außen schafft nicht automatisch die Voraussetzungen für einen Volksaufstand. Im Gegenteil: In einer Situation von Bombardierungen, Unsicherheit und existenzieller Bedrohung versuchen die meisten Menschen zunächst, ihre Familien zu schützen. Diese Reaktion ist zutiefst menschlich und darf weder als Loyalität gegenüber dem Regime noch als fehlender Wunsch nach Freiheit interpretiert werden.
Der Iran ist nicht unveränderlich. Aber von einer terrorisierten und schutzlosen Bevölkerung zu erwarten, dass sie allein einen der brutalsten Unterdrückungsapparate der Gegenwart stürzt, ist weder realistisch noch gerecht.
Nicht der Wille zur Veränderung fehlt. Es fehlen Sicherheit, internationale Solidarität und eine glaubwürdige Unterstützung jener demokratischen Kräfte, die seit Jahrzehnten unter Einsatz ihres Lebens für Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte kämpfen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Stellungnahme als Leserbrief oder Gastbeitrag im Tageblatt veröffentlichen würden. Gerade angesichts der großen Bedeutung des Themas halte ich es für wichtig, dass auch die Perspektive vieler Iranerinnen und Iraner Gehör findet, die unter diesem Regime leiden und deren Schweigen allzu oft fälschlicherweise als Zustimmung interpretiert wird.