Editorial

Heilige Scheiße! Warum die Papstwahl auch Humanisten und Atheisten etwas angeht

Von allen guten Geistern verlassen: Kanadier und Australier haben bereits entsprechend gewählt – tut der Vatikan es auch?

Von allen guten Geistern verlassen: Kanadier und Australier haben bereits entsprechend gewählt – tut der Vatikan es auch? Foto: Screenshot/X-Account des Weißen Hauses

Die Papstwahl ist auch eine Richtungswahl. Wo steuert die katholische Kirche mit mehr als einer Milliarde Gläubigen hin? Das Wort des Papstes hat Gewicht, der Pontifex ist über seine Kirche hinaus eine moralische Instanz in der Welt und damit auch im globalen Süden. Wenn ein Papst sich für Migranten und Minderheiten einsetzt, erzielt das eine Wirkung. Wenn er Schwule verurteilt, ebenso.

Der Papst hat also Einfluss auf die Politik. Die Politik versucht nun, Einfluss auf seine Wahl zu nehmen.

Das treibt mitunter seltsame Blüten. Zuletzt: Donald Trump im Papstgewand, als KI-Foto gepostet vom offiziellen Account des Weißen Hauses. Niveaulos, klar. Aber steckt nicht mehr dahinter? Immerhin wollen die USA einen Papst nach ihrem Gusto: stramm konservativ. Keinen „woken“, wie der verstorbene Franziskus einer war in den Augen von Trump und Co. Nicht zuletzt, weil er ihre menschenunwürdige Abschiebungspolitik kritisierte. Seinen Tod am Ostermontag begleitete die MAGA-Abgeordnete und Trump-Anbeterin Marjorie Taylor Greene derart in den sozialen Medien: „Heute gab es große Veränderungen in der globalen Führung. Das Böse wurde durch die Hand Gottes besiegt.“

Am Mittwoch beginnt nun das Konklave. „Kirche ist immer auch politisch“, sagt Théo Péporté, der ehemalige Sprecher der katholischen Kirche in Luxemburg, im Interview mit Tageblatt-Journalist Marco Goetz – es ist der Auftakt unserer Berichterstattung aus Rom.

In einer Welt, die weit nach rechts driftet, steht einiges auf dem Spiel. So haben Menschen, die ihr Land verlassen müssen, immer weniger Fürsprecher. Franziskus, das muss man ihm lassen, war einer von ihnen. Seine erste Reise als Papst führte ihn nach Lampedusa, zu den Flüchtlingen. In einer seiner letzten Aktionen pflückte er sich US-Vizepräsident JD Vance vor, wegen der Deportationen.

Was jedoch die Rolle der Frau in der Gesellschaft angeht, war der letzte Papst nicht besser als seine Vorgänger. Die katholische Kirche will die Frauen kleinmachen, daran ändert sich nichts, und genau das macht sie für jene interessant, die den gesellschaftlichen Backlash ebenso zum Ziel haben. Da sind sie Brüder im Geiste.

Womit wir wieder bei Trump wären. Aber nicht nur bei ihm. Auch in Europa (man denke etwa an Orbán oder Meloni) und ebenso in Luxemburg (nicht nur Kartheiser) gibt es diese Verfechter „traditioneller Werte“, die im Endeffekt nichts anderes wollen, als die Rechte von Frauen wieder abzuwerten. Jetzt hoffen sie auf einen konservativen Papst und legen sich für ihre Wunschkandidaten ins Zeug. In einer solchen Gemengelage sollten auch Humanisten und Atheisten genau hinschauen – woraus sich die Relevanz in der Berichterstattung für eine laizistische Zeitung wie das Tageblatt von selbst ergibt: Das geht uns alle an.

Unterdessen reagierte die katholische Kirche erwartungsgemäß auf Papst Donald: mit Entrüstung. Die Kardinäle, die den Papst wählen, sind noch nicht abgeschottet im Konklave. Sie bekommen demnach mit, was in der Welt passiert. Trumps Unding dürfte ihnen nicht entgangen sein und könnte für den US-Präsidenten zum erneuten Schuss ins eigene Knie werden. Trumps Auftreten sorgte zuletzt für die Wahlsiege der progressiven Kandidaten in Kanada und Australien. Beides waren auch Wahlen im Geiste der präventiven Abwehr eines unzuverlässigen und übergriffigen US-Präsidenten, seiner Vorstellungen und seiner Methoden. Es waren Statements der Wählerinnen und Wähler: Trump ist von allen guten Geistern verlassen, wir wollen nichts mit ihm zu tun haben und keinen an der Spitze, der auch nur ansatzweise so tickt wie er. Vielleicht ist das ja auch bis in den Vatikan vorgedrungen.

0 Kommentare
Das könnte Sie auch interessieren

Editorial

Die SPD ist im Abstiegskampf – und keine Retter in Sicht

Leserforum

Cynisme européen