Editorial

Ground Zero – die Folgen und die etwas vernachlässigte Vorgeschichte von 9/11

Die Terroranschläge werden häufig als politische und gesellschaftliche Zäsur bezeichnet. Über ihre Folgen wird viel diskutiert, über ihre Vorgeschichte weniger. Ground Zero wirft nach wie vor viele Fragen auf.

Blumen am Ground Zero erinnern an die Opfer

Blumen am Ground Zero erinnern an die Opfer Foto: Spencer Platt / Getty Images via AFP

Die Bilder von den Terroranschlägen des 11. September 2001 mit rund 3.000 Todesopfern sind im kollektiven Gedächtnis vieler Menschen verankert. Die brennenden Zwillingstürme des World Trade Centers wurden zum Symbol des Terrors. 9/11 wird als politische und gesellschaftliche Zäsur bezeichnet. So wurde zum bisher einzigen Mal in der Geschichte des transatlantischen Bündnisses nach Artikel 5 des NATO-Vertrags der Bündnisfall ausgerufen. Man befand sich im Krieg – im „War on Terror“.

Die Auswirkungen prägten die Gesellschaften und bekamen jedes Land zu spüren, etwa mit Anti-Terror-Gesetzen – so auch Luxemburg, wo es 2003 zur Verankerung im „Code pénal“ und seither mehrmals zu Verschärfungen kam. Muslime gerieten unter Generalverdacht, in der islamistischen Szene wurde nach potenziell gefährlichen Personen als vermeintlichen „Schläfern“ gesucht. Im Großherzogtum kam es Ende März 2003 zu einer Razzia in angeblichen Islamistenkreisen in rund 20 Wohnungen. Ein bosnisch-tunesischer Staatsbürger wurde mit Familie nach Tunesien abgeschoben. Dort wurde er am Flughafen festgenommen und landete im Gefängnis in Folterhaft.

Die Bündnispartner versprachen den USA „uneingeschränkte Solidarität“. Sie verstärkten ihre Sicherheitsbehörden mit mehr Personal, erließen und/oder verschärften Gesetze, Nachrichtendienste erhielten neue Mittel und Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Galt 9/11 als Angriff auf die freie Welt, so galt fortan das Prinzip „Sicherheit als Voraussetzung von Freiheit“. Gemäß der neuen Sicherheitslogik wurde nicht mehr nach der Tat, sondern nach dem Risiko einer möglichen Tat gefragt, gemäß der Logik eines dauerhaften Ausnahmezustands, der zum Normalzustand wurde. Der Terror ist jedoch alles andere als verschwunden. Weitere Attentate von Madrid (11-M) ein halbes Jahr nach 9/11 über Paris 2015 bis heute mit unzähligen Todesopfern folgten. Vom Entführungs- und Sprengstoffkommando bis zum „einsamen Wolf“ – der Terror hat viele Gesichter.

Zwar werden die Terroranschläge von 2001 als Zäsur betrachtet, sie haben jedoch auch eine Vorgeschichte. So verübte das Netzwerk Al‑Qaida um ihren Anführer Osama bin Laden bereits in den 1990er Jahren Attentate, etwa 1993 auf das World Trade Center, bei dem sechs Menschen starben, 1998 auf die US-Botschaft in Nairobi und Dar es Salaam und auf den US-Zerstörer USS Cole. Mit 9/11 wurde, nachdem die USA als einzige Supermacht verblieben waren, ausgerechnet jener Multilateralismus angegriffen, der sich die Verhinderung von Krieg und Gewalt zum Ziel gesetzt hatte. Zugleich gewannen die sogenannten Neocons, eine Gruppe von Neokonservativen in den USA, in der Ära unter US-Präsident George W. Bush an Einfluss, in einer Regierung, die nach dem Chaos der Wahlauszählung von 2000 vom Supreme Court ins Amt gebracht wurde und zu Beginn als illegitim und politisch schwach galt. Sie forderten den Sturz von Diktatoren wie Saddam Hussein, was zu den Kriegen im Irak und in Afghanistan führte.
In ihrer interventionistischen Außenpolitik teilten die Neocons die Welt in „gut“ und „böse“ ein, in Freund und Feind. Ihre Ideen entstammten der 1997 ins Leben gerufenen neokonservativen Denkfabrik des Project for the New American Century (PNAC). Ihre Stunde hatte geschlagen, 9/11 kam ihnen wie gerufen, die Anschläge eines asymmetrischen, entgrenzten Gegners wurden zur Kriegserklärung und führten zu Menschenrechtsverletzungen wie in Guantanamo und Abu Ghuraib und dem völkerrechtswidrigen, auf Lügen basierenden und entgrenzten Irakkrieg, der zum Regimechange führen sollte, aber in der Ausführung völlig scheiterte. Das „Cost of War“ der Brown University berechnete, dass Kriege der USA in der Folge von 9/11 mehr als 940.000 Menschenleben gefordert haben. Und wie der Historiker Timothy Snyder in dieser Zeitung kürzlich betonte, war der Irakkrieg nicht zuletzt einer der Hauptgründe für den Aufstieg Donald Trumps.

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