Editorial

Massentourismus: Geliebt für sein Geld, gehasst für seine Gäste

Der Massentourismus ist zum Opfer seines eigenen Erfolgs geworden: gefragt bei allen, aber ungeliebt von den Menschen in den Zielregionen. Dabei ließen sich Wirtschaft, Umwelt und Lebensqualität der Einheimischen unter einen Hut bringen – und auch Luxemburg könnte Teil der Lösung sein.

Der Unmut vieler Einheimischer in den beliebten Urlaubsregionen wird zunehmend sicht- und spürbar. Bild aus Mallorca.

Der Unmut vieler Einheimischer in den beliebten Urlaubsregionen wird zunehmend sicht- und spürbar. Bild aus Mallorca. Foto: Alain Muller

Der Massentourismus, einst sowohl Zeichen eines wachsenden Wohlstands als auch ein gefeierter Motor für einen besseren Lebensstandard in den Zielregionen, entwickelt sich zusehends zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Vielerorts zerstört er genau jene Attraktivität, die die Menschen überhaupt erst anzog.

Einsamkeit in den Bergen oder am Strand? Meist nur noch ein Mythos vergangener Tage oder ein Werbefoto aus dem Reisekatalog. Selbst am Mount Everest bilden sich inzwischen Staus vor dem Gipfel.

Es ist wohl schön zu sehen, dass heute mehr Menschen in den Urlaub fahren können als früher. Es ist nicht mehr so, dass Reisen nur für Reiche sind. Während sich 2010 noch erschreckende 39 Prozent der Haushalte in den Ländern der EU eine Woche Urlaub pro Jahr nicht leisten konnten, waren es letztes Jahr nur noch 27,5 Prozent.

Doch die Kehrseite ist unübersehbar: Warteschlangen, Autolärm, hohe Preise, Wohnungsmangel, verschandelte Landschaften, Wasserknappheit in ohnehin trockenen Regionen. Was einst frei genossen werden konnte, unterliegt heute Verboten, Einschränkungen und Regeln. Die Bevölkerung vor Ort wird zu Statisten in der eigenen Heimat, während die Einnahmen in die Taschen großer Ketten und Investoren fließen, kaum in lokale Kassen.

Der Unmut der Einheimischen entlädt sich zunehmend: Wasserpistolen gegen Touristen, Demonstrationen auf Mallorca, Anfeindungen und schlechte Dienstleistungen. Auch für die Reisenden selbst wird der Andrang zunehmend unangenehm – lokale Geheimtipps werden immer rarer, während die bekannten Hotspots aus allen Nähten platzen.

Kreuzfahrtschiffe gelten dabei vielerorts als besonders unerwünscht: Die schwimmenden Städte bringen den angelaufenen Häfen erstaunlich wenig Umsatz, hinterlassen aber Verkehrschaos, Verschmutzung und Menschenandrang.

Einfach nur mehr Hotels zu bauen, mag den Wachstumszahlen schmeicheln. Ob davon aber auch die lokale Bevölkerung profitiert, steht auf einem ganz anderen Blatt. Nicht jeder will im Bauwesen oder der Bedienung arbeiten – das sind oft schlecht bezahlte Jobs. Damit führt der Boom zu einem weiteren Mangel an Wohnungen, von denen ohnehin immer mehr an Touristen vermietet werden.

Den Massentourismus zu verteufeln, wäre jedoch zu einfach. Immerhin ist es ein Kompliment an die Schönheit der besuchbegehrten Orte. Und wer die Touristen bisher nicht hat, der wünscht sie sich herbei. Denn der Tourismus ist tatsächlich ein wirtschaftlicher Motor – siehe die Entwicklung der letzten 20 Jahre in Dubai.

Freud und Leid, Fluch und Segen liegen beim Massentourismus näher beieinander als bei den meisten anderen Wirtschaftszweigen: Man will das Geld der Touristen – doch die Touristen selbst will man eigentlich nicht.

Dabei wäre die Lösung im Grunde einfach, auch wenn sie in der Praxis alles andere als leicht umzusetzen ist: eine gerechtere Verteilung der Einnahmen durch kluge Raumplanung, Steuern auf Zweitwohnungen, Übernachtungssteuern, Abgaben für Tagestouristen – etwa an der belgischen Küste oder rund um Stauseen, wo der Verkehr regelmäßig kollabiert. Auch eine arbiträre Begrenzung der Tagestouristen wäre mancherorts notwendig.

In den kommenden Jahren dürfte sich die Situation derweil kaum beruhigen. Europaweit waren es letztes Jahr, wie bereits erwähnt, immer noch ein Viertel der Haushalte, die sich eine Woche Urlaub nicht leisten können. Eine immer noch viel zu hohe Zahl. Ihnen will man das Reisen auch nicht verwehren. Es gilt demnach ebenfalls, aufzupassen, dass das Verreisen nicht wieder zu einem Privileg für die Reichen wird.

Damit nicht jeder nach Spanien oder Griechenland fliegen muss, könnte man das Angebot in unseren eigenen Regionen ausbauen. Einst gab es viele Hotels in Echternach, und an der Alzette zwischen Hesperingen und der Stadt Luxemburg gab es Badegelegenheiten. Doch die Attraktivität ging verloren. Ein All-inclusive-Angebot, wie es sich viele wünschen, sucht man hierzulande bislang vergeblich – dabei könnte gerade ein solches Angebot jene abholen, die aus Bequemlichkeit oder Budgetgründen ins Ausland fliegen. Davon würden sowohl die lokale Wirtschaft als auch die Umwelt profitieren.

1 Kommentare
Fraulein Smilla 12.09.202609:43 Uhr

Bei All inclusive bleiben viele Restaurants und Imbisssbuden auf der Strecke .

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