Editorial
Gleichberechtigung im Sport: Eher ein Marathon als ein Sprint
Foto: Editpress/Anouk Flesch
In Luxemburg sind lediglich 27% aller Mitglieder von Sportvereinen weiblich. Schaut man sich das Verhältnis innerhalb der Führungsstrukturen an, wird das Missverhältnis zwischen Mann und Frau noch deutlicher: In den Vorständen der Sportverbände in Luxemburg sitzen lediglich 21% Frauen, nur 9% von ihnen werden von einer Frau präsidiert. Diese Zahlen kamen bei einer Recherche der Soziologin Enrica Pianaro im Auftrag der Stadt Esch heraus. Denn die will mit einer Charta und einem darauf aufbauenden Aktionsplan etwas an der Geschlechterdiskrepanz im Sport ändern.
Rückblick: Als Pierre de Coubertin die Olympischen Spiele der Neuzeit ins Leben rief, blieben die Frauen komplett außen vor. Dass bei den zweiten Spielen 1900 in Paris 22 Sportlerinnen am Start waren, gefiel den Sittenwächtern der damaligen Zeit überhaupt nicht. Die 22 nahmen ohne Zustimmung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) teil, denn der sportliche Wettkampf galt damals als unweiblich und für Frauen ungesund. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Akzeptanz stetig. Mit dem bisherigen Höhepunkt bei den letzten Spielen in Tokio mit einem Anteil von 48,3 Prozent Sportlerinnen.
Ein Grund zum Jubeln ist das freilich noch nicht, denn Parität heißt noch lange nicht Gleichberechtigung. Durch die Bank verdienen Profisportlerinnen erheblich schlechter als Profisportler. Es gibt nur wenige Ausnahmen, die diese Regel bestätigen. Bezeichnenderweise findet man sie meist im künstlerischen Bereich (Kunstturnen, Sportgymnastik, Eiskunstlaufen). Im vergangenen Jahr erhielt die Siegerin des Radklassikers Paris-Roubaix 1.500 Euro Preisgeld, während der Sieger 30.000 Euro kassierte. Immerhin haben die Organisatoren die Prämie für die Gewinnerin diesmal auf 20.000 Euro erhöht. Der Frauenradsport ist ein gutes Beispiel für eine Sportart, in der die Schere zwischen Frau und Mann zwar langsam, aber stetig kleiner wird.
Den Unterschied in der Entlohnung von Profisportlern und Profisportlerinnen erklären Wirtschaftsexperten mit dem sogenannten Wertgrenzprodukt: Die Entschädigung von Angestellten wird daran orientiert, welchen zusätzlichen Wert diese der Firma bringen. Und da gibt es zwischen Männer- und Frauensport mitunter gewaltige Unterschiede, die sich z.B. an Zuschauerzahlen oder Followern in den sozialen Medien messen lassen. Dass Weltfußballer Lionel Messi unendlich mehr verdient als Weltfußballerin Alexia Putellas, die im Grunde genommen das Gleiche leistet, ist ungerecht, aber letztendlich das Resultat von Angebot und Nachfrage, dem aktuellen Marktwert. Damit das Pendel zumindest etwas gerechter ausschlagen kann, soll die verstärkte Mediatisierung des Frauensports vorangetrieben werden.
Im Endeffekt muss sich aber zuerst etwas an der Basis ändern, was die Escher Verantwortlichen gut erkannt haben. Der Breitensport soll nicht länger von Männern dominiert werden. Rollenmuster müssen abgebaut werden, dass Mädchen boxen oder Rugby spielen, muss genauso zur Normalität werden wie tanzende oder turnende Jungs.