Editorial
Géi virun d’Dier: Wie gestalten wir die Welt nach der Pandemie?
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Als Trent Reznor vor knapp einem Jahr ein neues Nine-Inch-Nails-Album veröffentlichte, betitelte er einen seiner klaustrophobischen Songs „Your New Normal“. Mittlerweile fühlt es sich für viele so an, als wäre der vor einem Jahr einberufene Ausnahmezustand zum Normalzustand geworden. Für den Philosophen Giorgio Agamben ist der langwährende Fortbestand eines solchen Krisenzustandes ein politischer Prozess, der dazu dient, den Rechtsstaat auszuhebeln, um den Bürgern antidemokratische Auflagen langfristig aufzudrängen.
Folgt man der Idee einer neuen Normalität, die ja mit sich bringt, dass wir die Welt von gestern zumindest teilweise begraben und sich neue soziale Habiti bilden werden, fragt sich, wie diese Welt aussehen wird. Denn wenn wir ein Mitgestaltungsrecht an dieser Welt nach der Pandemie haben wollen, müssen wir jede der zurzeit mit Verweis auf die Ausnahmesituation getroffenen Auflagen kritisch analysieren und auf ihre wissenschaftliche Evidenz prüfen, um sicherzugehen, dass sich hinter der Häufung von oftmals fragwürdigen Maßnahmen tatsächlich nur politische Vorsicht versteckt – und nicht etwa unter dem Deckmantel der Fürsorge freiheitsberaubende Regelungen durchgesetzt werden.
Wieso entscheiden sich die meisten europäischen Länder immer noch gegen die Öffnung von Kinos, Theaterhäusern und Terrassen, obwohl sich Kulturschaffende und Restaurantbesitzer innerhalb von Monaten neu erfunden und funktionstüchtige Sicherheitskonzepte entwickelt haben?
Wieso gelten öffentlicher Verkehr und Großraumbüros dagegen als unproblematisch, obwohl sie zu den Hauptinfektionsquellen gehören? Wieso sperrt man die Bevölkerung immer noch unter dem Vorwand, zu Hause würde weniger „Rambazamba“ getrieben, abends in einen Lockdown, dessen Wirksamkeit mehr als zweifelhaft ist – zumal in Luxemburg zumindest wochentags im Vergleich zu einer Stadt wie Berlin eh nur sehr wenige Menschen nach 23 Uhr unterwegs sind?
Sogar die Kernaussage der politischen Pandemiebekämpfung „Bleift doheem“ stellt sich mittlerweile als fragwürdig heraus – einer rezenten Studie zufolge müsste man die Menschen im Gegensatz eher dazu ermutigen, sich draußen aufzuhalten, weil die Ansteckungsgefahr dort quasi inexistent ist –, eine radikale Slogan-Kurswendung (Vorschlag: „Géi virun d’Dier“) würde eine wegen ständig wechselnder Auflagen bereits verwirrte Bevölkerung allerdings nur noch mehr irritieren.
In einigen dieser Aspekte könnte Luxemburg, das einen Mittelweg zwischen dem schwedischen Laisser-faire und den drastischen Restriktionen der Nachbarländer gewählt hat, eine Vorbildfunktion haben – Luxemburg hat gezeigt, dass weder die Öffnung von Kulturhäusern noch ein unter Auflagen aufgezogenes Filmfestival eine Steigerung der Infektionszahlen mit sich brachte. Das Gleiche wird sich wohl, schenkt man der bereits erwähnten Studie Glauben, auch in Bezug auf die Terrassenöffnungen bewahrheiten. Weitere Lockerungen von Maßnahmen, die wissenschaftlich nicht fundiert sind, müssen folgen. Denn je länger solche Maßnahmen gelten, desto größer sind die Chancen, dass sich zumindest Spuren davon im Leben nach der Pandemie wie der Kaffeerückstand in einer leeren Tasse wiederfinden – und wir uns schlicht und einfach damit abfinden werden, dass die Welt jetzt kulturloser geworden ist.
Um diese Resignation zu konterkarieren, braucht es kritische Diskurse. Diese bleiben jedoch die Ausnahme, es herrscht zum Teil eine besorgniserregende intellektuelle Ermüdung – wo man vor einem Jahr noch die Angst vor dem Virus und dem fehlenden Wissen um dessen Art der Verbreitung als Argumente gegen voreilige Regierungskritik gelten lassen konnte, kommt es einem jetzt streckenweise so vor, als habe man sich bereits an die Welt, wie sie seit einem Jahr ist, gewöhnt.