Forum von Dan Jørgensen

Europa braucht eine Elektrifizierungsrevolution, um unabhängig zu werden

Europa braucht eine Elektrifizierungsrevolution, um unabhängig zu werden

Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Können wir ehrlich sagen, dass wir in Europa frei und unabhängig sind? Ja, in dem Sinne, dass „Freiheit“ ganz klar in unseren Gründungserklärungen, Verfassungen und Verträgen verankert ist.

Doch unsere Energierechnungen erzählen etwas anderes. In den letzten Monaten kommt es durch Ereignisse, die sich Tausende Kilometer entfernt von uns entlang einer 33 km breiten Wasserstraße abspielen, zu Einschränkungen: Wir können nicht zu angemessenen Preisen unser Zuhause heizen oder Lebensmittel kaufen.

Es ist an der Zeit, dass Europa seinen Kurs ändert. Wenn es eine Lehre aus der derzeitigen Krise zu ziehen gibt, dann die, dass Europa ohne Energieunabhängigkeit nicht wirklich unabhängig sein kann. Jede echte Unabhängigkeitsbewegung geht vom Volk aus. Und dieses Mal ist das nicht anders.

Die Menschen in Europa sehen das. Sie sind nicht nur bereit für die Energiewende. Sie sind bereit, dabei eine führende Rolle einzunehmen.

In ganz Europa sehen wir die ersten Anzeichen einer Elektrifizierungsrevolution. Im ersten Quartal wurden EU-weit mehr als 500.000 Elektroautos zugelassen. Im selben Zeitraum wurden allein in Frankreich, Deutschland und Polen mehr als 400.000 Haushaltswärmepumpen verkauft.

Die Menschen in Europa entscheiden sich für Strom. Und es ist nicht schwer nachzuvollziehen, warum sie dies tun. Ich war beispielsweise kürzlich in Finnland und dort kostet ausweislich unserer Daten das Fahren eines Elektrofahrzeugs 2,60 Euro pro 100 km im Vergleich zu Benzinkosten von 9,20 Euro pro 100 km!

Laut der Denkfabrik Concito können europäische Haushalte durch die Kombination von Elektrofahrzeugen und Wärmepumpen zwischen 1.700 und 3.000 Euro pro Jahr an Kosten einsparen. Die Menschen in Europa sehen das. Sie sind nicht nur bereit für die Energiewende. Sie sind bereit, dabei eine führende Rolle einzunehmen.

Lösungen gibt es bereits. Elektroöfen in Fabriken, Elektrofahrzeuge und Ladestationen auf unseren Straßen, intelligente Zähler, Solarpaneele und Wärmepumpen zu Hause.

Bleibt nur die Frage: Wie können die Regierungen in der EU zu ihnen aufschließen? Erstens müssen wir mehr Strom in Europa erzeugen, indem wir unsere eigenen Ressourcen nutzen. Wir müssen mehr Windparks bauen. Wir müssen mehr Solarpaneele installieren. Und in Ländern, die sich für Kernenergie entscheiden, müssen wir die nächste Generation von Kernkraftwerken und Technologien entwickeln. Wenn wir das alles umsetzen, können unsere Volkswirtschaften auf teure Einfuhren fossiler Brennstoffe verzichten und stattdessen auf eigene saubere und erschwingliche Energie setzen.

Zweitens müssen wir den Transport von Strom auf unserem Kontinent erleichtern. Dafür müssen Stromleitungen und Kabel modernisiert und grenzüberschreitende Verbindungen ausgebaut werden. Und es müssen mehr Batterieanlagen gebaut werden, damit wir Strom flexibel speichern und umverteilen können.

Dies erfordert Investitionen. Diese Investitionen sind jedoch sinnvoll und führen zu Kosteneinsparungen. Bis 2040 werden wir 1,2 Billionen Euro in Stromübertragungs- und Stromverteilernetze investieren müssen. Dabei wird jeder in das Stromnetz investierte Euro zu Einsparungen von mehr als 2 Euro bei den Systemkosten führen. Wenn wir als Europa zusammenarbeiten, gemeinsam investieren und strategisch planen, können wir die Kosten senken und die Vorteile vervielfachen.

Schlussendlich müssen wir die Teile unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft unterstützen, in denen die Elektrifizierung ins Stocken geraten ist – insbesondere in der Industrie, im Verkehr und im Gebäudesektor. Lösungen gibt es bereits. Elektroöfen in Fabriken, Elektrofahrzeuge und Ladestationen auf unseren Straßen, intelligente Zähler, Solarpaneele und Wärmepumpen zu Hause.

So sieht ein elektrifiziertes Europa aus. Und wir müssen dafür sorgen, dass niemand außen vor bleibt. Österreich hilft beispielsweise vulnerablen Menschen, mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizkessel durch saubere Alternativen zu ersetzen. Und in Frankreich gibt es ein Sozialleasing-Programm für Elektrofahrzeuge, das es Haushalten mit geringem Einkommen ermöglicht, ein neues Elektrofahrzeug zu erschwinglichen Preisen zu leasen.

Indem wir die richtigen Entscheidungen treffen, können wir sicherstellen, dass alle Menschen von der zunehmenden Elektrifizierung profitieren. In Kürze werde ich einen Elektrifizierungsplan für Europa mit diesen und anderen praktischen Schritten vorlegen, die uns unserem Ziel näher bringen werden: Europa zum ersten Elektrokontinent der Welt machen. Das ist ein ehrgeiziges, aber notwendiges Ziel. Denn wir müssen uns aus den Fängen fossiler Brennstoffe befreien.

Indem wir unsere heimische Energie nutzen und Europa elektrifizieren, können wir eine neue Ära der Freiheit für unsere Bürgerinnen und Bürger einleiten – in jedem Zuhause und in jeder Fabrik, in jedem Dorf und in jeder Stadt, für jeden Arbeitnehmer und für jeden Unternehmer.

Es ist an der Zeit, dass wir alle zusammenarbeiten und die Unabhängigkeit Europas sichern, indem wir eine Führungsrolle bei der Elektrifizierungsrevolution einnehmen.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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