Forum von Fernand Weimerskirch
Reformagenda 2028 – warum die LSAP jetzt den Mut zur Zukunft braucht
Die größte Gefahr für die LSAP ist heute nicht die Regierung. Die größte Gefahr wäre, die kommenden zwei Jahre ausschließlich damit zu verbringen, Opposition zu machen.
Foto: Editpress/Claude Lenert
Opposition gehört zur Demokratie. Sie kontrolliert, kritisiert und zeigt Alternativen auf. Doch sie ist kein Selbstzweck. Eine Partei, die wieder gestalten will, darf sich nicht darauf beschränken, die Fehler anderer zu benennen. Sie muss selbst Antworten entwickeln. Deshalb sollte die LSAP jetzt den Anspruch erheben, eine Reformagenda 2028 für Luxemburg zu erarbeiten.
Die Zeit dafür war selten günstiger. Bis zu den Nationalwahlen bleibt genügend Raum, um nicht nur ein Wahlprogramm zu schreiben, sondern ein tragfähiges Zukunftsprojekt zu entwickeln. Denn Luxemburg steht vor Veränderungen, die sich nicht mehr mit kurzfristigen Einzelmaßnahmen beantworten lassen.
Wohnungsnot, steigende Lebenshaltungskosten, Gesundheitsversorgung, Pflege, Renten, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Energiewende, Klimaschutz, demografischer Wandel und geopolitische Unsicherheiten verändern unser Land gleichzeitig. Diese Herausforderungen hängen unmittelbar zusammen. Wohnungsbau beeinflusst die Kaufkraft. Gute Bildung entscheidet über die Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft. Eine wettbewerbsfähige Wirtschaft schafft Arbeitsplätze, finanziert den Sozialstaat und eröffnet den finanziellen Spielraum für öffentliche Investitionen. Politik darf diese Zusammenhänge nicht länger getrennt behandeln.
Ein starker Sozialstaat braucht eine starke Wirtschaft. Und eine starke Wirtschaft braucht gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Gerade hier liegt der historische Auftrag der Sozialdemokratie. Sie war immer dann erfolgreich, wenn sie wirtschaftlichen Fortschritt und sozialen Ausgleich miteinander verbunden hat. Nicht Wachstum gegen Gerechtigkeit und nicht Gerechtigkeit gegen Wachstum – sondern beides gemeinsam. Ein starker Sozialstaat braucht eine starke Wirtschaft. Und eine starke Wirtschaft braucht gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das eine ist ohne das andere nicht dauerhaft möglich.
Eine Reformagenda 2028 sollte deshalb mehr sein als ein neues Parteiprogramm. Sie könnte zu einem offenen Zukunftsprozess für Luxemburg werden. Die LSAP sollte Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Kammern, Gemeinden, Wissenschaft, Hochschulen, Sozial- und Umweltorganisationen sowie Vertreterinnen und Vertreter aller Generationen einladen, gemeinsam über die Zukunft unseres Landes nachzudenken. Gute Politik entsteht nicht hinter verschlossenen Türen. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen und Verantwortung übernommen wird.
Genauso wichtig wäre ein offener Reformdialog innerhalb der Partei selbst. Unterschiedliche Meinungen sind kein Zeichen der Schwäche. Sie sind Ausdruck einer lebendigen Volkspartei. Entscheidend ist nicht, ob kontrovers diskutiert wird, sondern ob aus dieser Debatte gemeinsame Entscheidungen entstehen. Geschlossenheit wächst nicht durch Schweigen, sondern durch gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Die Opposition bietet dafür eine einmalige Chance. Sie schafft den notwendigen Abstand zum politischen Tagesgeschäft und eröffnet den Raum, langfristig zu denken. Wer diese Zeit ausschließlich mit parlamentarischer Kritik verbringt, verschenkt die Möglichkeit, das eigene Profil grundlegend zu erneuern.
Ebenso entscheidend ist die enge Zusammenarbeit zwischen Partei und Parlamentsfraktion. Die Fraktion bringt parlamentarische Erfahrung und gesetzgeberische Kompetenz ein, die Partei kennt die Anliegen ihrer Mitglieder, der Gemeinden und der Zivilgesellschaft. Beides zusammen schafft die Grundlage für Reformen, die fachlich fundiert und gesellschaftlich verankert sind. Eine Reformagenda darf nicht von wenigen formuliert werden – sie muss von vielen getragen werden.
Zur Person
Fernand Weimerskirch ist Sekretär der LSAP Dräilännereck
Vor allem aber muss sie glaubwürdig sein. Sie darf kein Wunschkatalog werden, sondern muss finanzierbar, wirtschaftlich vernünftig und gesellschaftlich mehrheitsfähig sein. Große Reformen gelingen nur, wenn sie soziale Sicherheit mit wirtschaftlicher Dynamik verbinden. Wer dauerhaften Wohlstand sichern will, muss beides zusammendenken.
Die Opposition bietet dafür eine einmalige Chance. Sie schafft den notwendigen Abstand zum politischen Tagesgeschäft und eröffnet den Raum, langfristig zu denken. Wer diese Zeit ausschließlich mit parlamentarischer Kritik verbringt, verschenkt die Möglichkeit, das eigene Profil grundlegend zu erneuern.
Nationalwahlen werden nicht erst im letzten Wahlkampfjahr gewonnen. Sie werden Jahre vorher vorbereitet. Wenn die LSAP 2028 wieder Regierungsverantwortung übernehmen will, muss sie heute den Mut haben, Luxemburg neu zu denken. Eine Reformagenda 2028 wäre dafür kein Wahlkampfinstrument. Sie wäre ein Bekenntnis zum Gestaltungsanspruch einer Partei, die Verantwortung nicht erst übernehmen möchte, wenn sie regiert, sondern bereits in der Opposition damit beginnt.
Anmerkung
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