Forum von Serge Urbany

Contournement de Bascharage: Bauen ohne Notwendigkeit

Umweltaktivisten beim Camping und Waldbesetzen der Aktion #Bobibleift im Juli 2022 zur Rettung des Waldes

Camping for Future und Waldbesetzung „#Bobibleift“ im Juli 2022 Foto: privat

Die letzte Contournement-Genehmigung des Regierungsrates vom 31.7.2023 beruht auf alten Verkehrserhebungen der Jahre 2007 bis 2010 und 2013 sowie auf nicht öffentlich zugänglichen „Simulationen“ und „Projektionen“.

Für das Erstellen von solchen mathematischen Hochrechnungen ist die „Cellule modèle de transport“ (CMT) zuständig. Diese im Transportministerium ansässige Abteilung hatte sich bereits 2016, sowohl bei den NOₓ-Luftverschmutzungswerten als auch bei den Verkehrsprognosen, fundamental geirrt. So hatte sie damals in der avenue de Luxembourg in Bascharage 21.280 Fahrzeuge für das Jahr 2020 ohne den Bau des Contournement vorausgesagt. Doch bereits 2018 ergab eine Messung nur weniger als 14.000 Wagen, wie das Ministerium selbst auf parlamentarische Anfrage hin 2019 zugab. Trotzdem wurde noch von Regierungsseite am 22.4.2024 in einer Präsentation für den Gemeinderat Sanem behauptet, es gäbe eine „charge de trafic actuelle (!) s’élevant à pratiquement 20.000 véhicules/jour sur la N5 au centre de Bascharage“. In der avenue de Luxembourg gibt es bezeichnenderweise keine permanente Zählstation. Eine solche Einrichtung zählte 2025 in der direkten Fortsetzung der N5 in Dippach im Tagesdurchschnitt aber nur 12.829 Fahrzeuge.

Das systematische Operieren mit falschen Zahlen sollte nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Entscheidungsträger irreführen und das Contournement als unumgänglich aufzwingen. So wurden bei der Verabschiedung des Finanzierungsgesetzes 2018 von einzelnen Abgeordneten und Ministern maßlos aufgeblasene NOₓ-Werte vorgetragen (das Doppelte des damals tatsächlich gemessenen Wertes). Ein öffentlicher Skandal! Der „Cellule scientifique“ der Abgeordnetenkammer zufolge, die von „déi Lénk“ damit befasst wurde, könnte dies nach der aktuellen Rechtslage nicht zur Annullierung des Gesetzes führen. Die auf falschen Werten beruhende Entscheidung der Regierung 2016 zugunsten des Contournement, die immer noch aufrechterhalten wird, ist aber sehr wohl deswegen vor Gericht annullierbar!

Zwecks Verkehrsberuhigung wurden doch auch an anderen Orten Verkehrszählungen im Rahmen dieser Studie durchgeführt. Warum nicht hier?

Die CMT, die mit den Gemeinden zusammen in der Pilotgruppe der Kordall-Studie zwei Jahre lang hinter verschlossenen Türen getagt hat, wurde den offiziellen Berichten zufolge nie von den anwesenden Gemeindevertretungen gebeten, alle Zahlen offenzulegen und den Nutzen des Contournement verkehrstechnisch unter Beweis zu stellen.

Stattdessen wurde von den Gemeindevertretern in diesen Sitzungen die Realisierung des Contournement als unerlässliche Voraussetzung jeglicher verkehrsberuhigender Maßnahmen bedingungslos akzeptiert.

Folgende Fragen hätten zum Beispiel gestellt werden können/müssen: Wenn das neue Ziel des „Contournement de proximité“ nicht mehr darin besteht, eine Umgehung um die Ortschaften herum bis nach Luxemburg zu schaffen, und somit als einzige logische Begründung die Anbindung der Bascharager Industrie- und Gewerbezone an die Collectrice du Sud bleibt, wie viele Nutzfahrzeuge und wie viele Personenfahrzeuge werden täglich von dieser Zone generiert? Wo fahren sie hin? Das könnte man zum Beispiel über Zählungen an deren Ausgängen leicht feststellen, da sie inzwischen in beide Richtungen geöffnet ist. Welche Alternativlösungen könnten sich daraus ergeben?

Zwecks Verkehrsberuhigung wurden doch auch an anderen Orten Verkehrszählungen im Rahmen dieser Studie durchgeführt. Warum nicht hier?

Auch an der „Biff“ wurde am 20.3.2025 eine sporadische Verkehrszählung durchgeführt. Diese ergab, dass 37 Prozent des Verkehrs in Richtung der avenue de Luxembourg in Bascharage von den dort ansässigen Geschäften (Supermärkte, Tankstellen, Fastfood usw.) provoziert wurde, also hausgemacht ist. Gezählt wurden 4.547 Kfz-Zielbewegungen zur Geschäftswelt und 7.503 Bewegungen darüber hinaus. Das relativiert noch einmal die Verkehrsbelastung der avenue de Luxembourg. Sie liegt unter den Belastungen zum Beispiel der Escher Straße in Beles oder der Oberkorner Straße in Zolwer.

Denn sogar Simulationen der CMT ergaben1), dass es nur sehr wenig Verkehrs-Interaktionen zwischen Bascharage und der Ortschaft Sanem gibt. Und dann noch wahrscheinlich meistens über die Autobahn zu den Geschäften an der „Biff“, wozu kein Contournement gebraucht wird. Die Notwendigkeit einer „Entlastungsstraße“ zwischen diesen beiden Ortschaften – also eines „Contournement de proximité“ – ist also keinesfalls belegt.

Weshalb also auf 4 Kilometern ein Erholungsgebiet für diese Einwohner auf ewig unbrauchbar machen (zusätzlich zum immensen Schaden an den betroffenen Naturschutzzonen und bedrohten Tierarten in Zeiten der Klimakrise)?

Man kann nicht laut genug seinen Unmut über diese „Kordall-Verkehrsstudie“ äußern, die diesen Namen nicht verdient. Denn auch nach zwei Jahren „Huis clos“ ist keine einzige Begründung des Bauvorhabens erfolgt. Die Arbeiten aber sollen noch im Herbst beginnen, trotz des Risikos einer Annullierung der Genehmigungen, welche am 14. Dezember vor Gericht mündlich begründet wird!

Wieder einmal basiert alles auf dem individuellen Verkehr (das „primäre“ Straßennetz dominiert die ganze Kordall-Studie), während gleichzeitig Buslinien (wie die TICE-Linie 15, wie der Nachtbus) reduziert und keine weiteren Busverbindungen geschaffen werden

Im gleichen Atemzug hat die Kordall-Gruppe weitere Projekte „validiert“, die direkt mit der Umgehungsstraße zu tun haben: den „échangeur“ für den Contournement auf beiden Seiten der A13, mit Stichstraße durch die „zone de protection d’intérêt national Dreckwiss“ zum Hahneboesch. Der Anschluss an eine ebenfalls neu zu bauende Straße hin zur Kronospan, die dort mit der A13 verbunden wird und weiter durch die Industriezone Pafewee hinter Kronospan zur „pénétrante de Differdange“ (N32) in Höhe von „Woiver“ geführt wird, obschon ja schon eine gute Verbindung hierhin vor der Kronospan existiert! Die aktuelle Aus-/Abfahrt in der rue de Niederkorn soll dann verschwinden, aber der Zugang nach Sanem in den Ässen soll gesperrt werden. Alles höchst zweifelhafte Vorhaben!

Zur Person

Contournement de Bascharage: Bauen ohne Notwendigkeit

Foto: Editpress/Fabrizio Pizzolante

Der Autor ist ehemaliger Abgeordneter und Gemeinderat aus Sanem.

Wieder einmal basiert alles auf dem individuellen Verkehr (das „primäre“ Straßennetz dominiert die ganze Kordall-Studie), während gleichzeitig Buslinien (wie die TICE-Linie 15, wie der Nachtbus) reduziert und keine weiteren Busverbindungen geschaffen werden.

Dabei ist der „Plan national de mobilité 2035“, auf den sich berufen wird, keineswegs in allen Aspekten in Stein gemeißelt, wie man auch am Contournement de Dippach sieht, das jetzt von den lokalen Autoritäten und vom Mobilitätsministerium als Fortsetzung des Contournement de Bascharage infrage gestellt wird. Dabei war es lange Zeit ebenfalls ein Dogma und steht im PNM 2035.

Und in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage zu den Contournements in Remich und Echternach haben die Minister Backes und Wilmes kürzlich die Bedingungen für den Bau einer Umgehungsstraße so restriktiv definiert, dass das Contournement von Bascharage nach diesen Kriterien sofort zurückgezogen werden müsste!

1) Siehe meinen Gastbeitrag im Wort vom 13.6.2026, „Das Versagen der luxemburgischen Verkehrspolitik am Beispiel Kordall“

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

1 Kommentare
Grober J-P. 06.07.202608:51 Uhr

"21.280 Fahrzeuge für das Jahr 2020 ohne den Bau des Contournement vorausgesagt." Keine Angst Serge, wenn die Straßen nach Guerlange, Messancy oder Sélange mal dicht sind, Mischi von Kaerjeng hat es uns doch versprochen, die Nachfolgerin wird sich daran halten, werden wir auf die vorausgesagten Zahlen kommen. Stellen Sie sich mal an einem ARBEITSTAG an die Ampel der Bahnhofstraße in Këntzeg, so ab 16 Uhr!

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