Forum von Isabel Wiseler-Lima und Hélder Sousa Silva
KI gestalten, bevor sie die Gesellschaft gestaltet
Künstliche Intelligenz prägt bereits unsere Gesellschaft, Bildung und Kultur tiefgreifend. Isabel Wiseler-Lima und Hélder Sousa Silva fordern eine verantwortungsvolle Gestaltung von KI, die demokratische Werte schützt, kulturelle Vielfalt bewahrt und junge Menschen fit für die digitale Zukunft macht.
Foto: Markus Lenhardt/dpa
Ein Teenager, der heute durch die sozialen Medien scrollt, kann innerhalb weniger Minuten auf eine mit Deepfake-Technik gefälschte politische Rede, einen von KI generierten Song, eine erfundene Nachricht und eine digital restaurierte Beatles-Aufnahme stoßen. Die Frage ist nicht mehr, ob künstliche Intelligenz unsere Gesellschaften verändern wird. Das hat sie bereits getan. Die eigentliche Frage ist, ob wir die Bürger, insbesondere junge Menschen, dazu befähigen können, sich in dieser neuen Realität zurechtzufinden und gleichzeitig die Werte zu bewahren, die unsere Demokratien und Kulturen ausmachen.
Künstliche Intelligenz verändert die Art und Weise, wie wir lernen, gestalten, kommunizieren und am öffentlichen Leben teilnehmen. Im Bildungswesen bietet sie beispiellose Möglichkeiten für personalisiertes Lernen und den Zugang zu Wissen. In der Kultur eröffnet sie neue Möglichkeiten für künstlerischen Ausdruck, die Bewahrung des kulturellen Erbes und kreative Zusammenarbeit. Doch diese Chancen gehen mit ernsthaften Risiken einher, die von Desinformation und Manipulation bis hin zu Bedrohungen für geistiges Eigentum, künstlerische Integrität und die demokratische Debatte reichen.
Für die EVP-Fraktion ist dies nicht einfach nur eine Debatte über Technologie. Es ist eine Debatte über Demokratie, Bildung, Kultur und die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Europas. Künstliche Intelligenz beeinflusst bereits heute, wie Bürger auf Informationen zugreifen, wie Kultur geschaffen und konsumiert wird und wie junge Menschen mit der Welt um sie herum interagieren.
Transparenz bei KI-Inhalten
Da KI-generierte Inhalte in unserem Alltag immer präsenter werden, ist Transparenz unerlässlich. Die Bürger sollen nachvollziehen können, wann und wie künstliche Intelligenz zur Erstellung von Texten, Bildern, Audioaufnahmen oder Videos eingesetzt wurde. Vertrauen im digitalen Zeitalter hängt nicht nur von Innovation ab, sondern auch von Klarheit und Rechenschaftspflicht.
In ganz Europa sind soziale Medien zu einer der wichtigsten Informationsquellen für jüngere Generationen geworden. In einer Zeit, in der KI in großem Umfang überzeugende Texte, Bilder, Audio- und Videoinhalte generieren kann und generiert, wird es immer schwieriger, Fakten von Fiktion zu unterscheiden. Die Folgen wirken sich auf das Vertrauen in Institutionen, den sozialen Zusammenhalt und die Fähigkeit der Bürger aus, sich sinnvoll am demokratischen Leben zu beteiligen.
Gleichzeitig verändert KI die Kultur auf eine Weise, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen wäre. Der Einsatz von KI-Technologie zur Wiederherstellung von John Lennons Stimme und zur Fertigstellung des Beatles-Songs „Now and Then“ hat gezeigt, wie Technologie die menschliche Kreativität bereichern kann, anstatt sie zu ersetzen.
Doch KI wirft auch grundlegende Fragen zur Authentizität auf. Mehr als acht von zehn Europäern geben an, dass sie von Menschen geschaffene Inhalte denen vorziehen, die von künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Sie verstehen, dass Kultur nicht einfach nur die Produktion von Inhalten ist. Sie ist Ausdruck, Identität und menschliche Verbundenheit.
Wie Papst Leo XIV. in seiner jüngsten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ feststellt, ist künstliche Intelligenz weder in ihrer Entwicklung noch in ihren Auswirkungen neutral. Die Entscheidungen von Entwicklern, Unternehmen, politischen Entscheidungsträgern und Nutzern beeinflussen, wie diese Technologien unsere Gesellschaften, Volkswirtschaften und Demokratien prägen. Deshalb muss sich Europas Ansatz von einem einfachen Grundsatz leiten lassen: Innovation und Verantwortung müssen Hand in Hand gehen.
Gesetzgebung allein reicht nicht
Die EVP-Fraktion ist der Ansicht, dass Europa KI als Instrument des Fortschritts nutzen muss, dabei aber sicherstellen muss, dass menschliche Kreativität, demokratische Werte und kulturelle Vielfalt im Mittelpunkt stehen. Zwar hat Europa bereits wichtige regulatorische Schritte unternommen, doch Gesetzgebung allein reicht nicht aus.
Der derzeitige Rechtsrahmen wurde nicht dafür konzipiert, allen spezifischen Merkmalen des Kultur- und Kreativsektors gerecht zu werden. Die KI-Strategie für den Kultur- und Kreativsektor, die die Europäische Kommission voraussichtlich Anfang 2027 als Teil des „Europäischen Kulturkompasses“ vorlegen wird, sollte daher ehrgeizig, umfassend und auf die Anliegen der Bürger ausgerichtet sein.
Generative KI-Systeme stützen sich in hohem Maße auf kulturelle und kreative Werke, doch den Urhebern fehlt es oft an Transparenz darüber, wie ihre Werke genutzt werden und ob sie fair vergütet werden, wenn daraus Wert geschaffen wird. Gleichzeitig bestimmen Empfehlungsalgorithmen zunehmend, was Menschen online sehen, hören und entdecken.
Bildung als Schlüssel zur Zukunft
Wenn diese Systeme auf Skalierbarkeit und kommerziell vorhersehbare Ergebnisse ausgerichtet sind, laufen wir Gefahr, unabhängige Urheber, Minderheitensprachen und die kulturelle Vielfalt, die den Kern der europäischen Identität ausmacht, an den Rand zu drängen. Bildung muss daher unsere erste Verteidigungslinie und unsere größte Chance werden.
Digitale Kompetenz, Medienkompetenz und KI-Kompetenz sollten als wesentliche Fähigkeiten für das 21. Jahrhundert angesehen werden. Junge Europäer müssen nicht nur lernen, wie man KI-Tools nutzt, sondern auch, wie man deren Grenzen versteht, Informationen kritisch bewertet und Manipulationen erkennt, wenn sie ihnen begegnen. Gleichzeitig müssen Schöpfer, Kulturorganisationen und Bildungseinrichtungen dabei unterstützt werden, sich an ein sich rasch wandelndes digitales Umfeld anzupassen.
Der Zeitpunkt könnte dringender nicht sein. Die Fähigkeiten der KI entwickeln sich schneller, als sich unsere Institutionen, Bildungssysteme und Kulturpolitik anpassen können. In einer Zeit wachsenden geopolitischen Wettbewerbs und zunehmender Polarisierung muss Europa in die Kompetenzen, die Kreativität und die Widerstandsfähigkeit seiner Bevölkerung investieren.
Europa steht nun vor einer entscheidenden Wahl. Wir können zulassen, dass künstliche Intelligenz unsere Gesellschaften nach kommerziellen Anreizen prägt, oder wir können sicherstellen, dass sie der menschlichen Kreativität, der demokratischen Widerstandsfähigkeit und der kulturellen Vielfalt dient.
Die Zukunft wird nicht allein von Algorithmen bestimmt. Sie wird von den Werten bestimmt, die wir in sie einfließen lassen, und von den Bürgern, die wir durch Bildung befähigen. Wenn wir dies richtig angehen, wird künstliche Intelligenz unsere Menschlichkeit nicht schmälern. Sie wird uns helfen, sie vollständiger als je zuvor zum Ausdruck zu bringen.
Anmerkung
Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.