Forum von Claire Delcourt, Yannick Kieffer und Jeff van Luijk

Farbe bekennen: Warum Pride mehr ist als ein Fest

Warum so auffällig, so bunt, so laut? Warum werden dafür öffentliche Gelder ausgegeben? Diese Fragen hört man jedes Jahr wieder in Verbindung mit den Pride-Feierlichkeiten, oft begleitet von dem Satz: „Macht, was ihr wollt, aber nicht in der Öffentlichkeit.“

Farbe bekennen: Warum Pride mehr ist als ein Fest

Foto: Editpress-Archiv/Julien Garroy

Auf den ersten Blick mag dieser Satz harmlos wirken. Tatsächlich bedeutet er jedoch, dass queere Menschen ihre Liebe und ihre Identität möglichst unsichtbar machen sollen.

Sichtbarkeit ist kein Luxus und keine Provokation – sie macht Diskriminierung sichtbar und damit überhaupt erst bekämpfbar.

Wer fragt, warum Pride so auffällig sein muss, sollte sich auch fragen, warum ein Kuss zwischen zwei Männern auf offener Straße heute noch Kommentare provoziert, während er zwischen einem Mann und einer Frau niemandem auffällt.

Eine polarisierte Gesellschaft, die sich an einfachen Gesten entzündet

Unsere Gesellschaft polarisiert sich zunehmend an einfachen Gesten: einer gehissten Regenbogenfahne, einem in Regenbogenfarben bemalten Zebrastreifen, einem Firmenlogo, das für einen Monat bunt wird. Diese Symbole sollen keine Provokation sein, sondern eine Botschaft vermitteln: Hier ist jeder Mensch willkommen – unabhängig davon, wen er liebt oder wie er lebt.

Dennoch lösen sie regelmäßig Shitstorms und Hasskommentare aus. Dass schon ein Zebrastreifen solche Reaktionen hervorruft, zeigt, wie tief die Polarisierung inzwischen sitzt – und wie wichtig es ist, dieser eine positive Vision des Zusammenlebens entgegenzusetzen.

Die Ursprünge nicht vergessen

Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf die Ursprünge von Pride. Gesellschaftlicher Fortschritt beginnt selten im Stillen. Das gilt für Frauen-, Arbeitnehmer- und LGBTQIA+-Rechte.

Pride ist kein Marketingprodukt, sondern das Ergebnis von Widerstand. Im Juni 1969 widersetzten sich Gäste des Stonewall Inn in New York – unter ihnen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera – einer routinemäßigen Polizeirazzia gegen queere Menschen. Daraus entstand ein Jahr später der erste Christopher Street Liberation Day – der Ursprung der heutigen Pride-Bewegung. Pride entstand nicht als Marketingprodukt, sondern aus Protest. Der Stonewall-Aufstand von 1969 markiert den Beginn einer Bewegung, die weltweit für gleiche Rechte kämpfte. Pride erinnert deshalb bis heute an Menschen, die verfolgt, kriminalisiert oder wegen ihrer Identität diskriminiert wurden – und an jene, für die Sichtbarkeit auch heute noch gefährlich ist.

Ein Fest der Freiheit – und ein Weckruf

Pride ist heute beides. Zum einen ein Fest: eine Feier einer Gesellschaft, in der jeder Mensch das gleiche Recht hat, er oder sie selbst zu sein und sich frei entfalten kann. Vielfalt ist dabei kein Gegensatz, sondern ein Reichtum. Zum anderen bleibt Pride ein Weckruf. Denn gesellschaftlicher Fortschritt entsteht selten von allein. Wie Frauenrechte oder Arbeitnehmerrechte kommt auch die Gleichstellung von LGBTQIA+-Personen nicht von selbst zustande. Fortschritt entsteht, weil Menschen Missstände sichtbar machen. Pride bildet dabei keine Ausnahme und erinnert uns daran, dass es auch heute noch konkrete Ungerechtigkeiten gibt.

• Konversionspraktiken sind in Luxemburg noch immer nicht gesetzlich verboten. Obwohl ein Verbot seit Langem im Koalitionsabkommen angekündigt ist, fehlt bis heute die gesetzliche Grundlage. Deshalb haben wir Sozialisten vergangenen Monat einen Gesetzesvorschlag eingebracht, um Konversionspraktiken künftig strafbar zu machen – ein wichtiger erster Schritt, zu dem die Mehrheit im Parlament nun zügig Farbe bekennen muss.

• Intersexuelle Kinder – also Kinder mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale – werden noch immer ohne medizinische Notwendigkeit operiert, obwohl internationale Menschenrechtsgremien seit Jahren ein Ende dieser irreversiblen Eingriffe fordern.

Mehr miteinander reden statt übereinander

Unterschiedliche Meinungen gehören zu einer demokratischen Gesellschaft. Es ist völlig legitim, Fragen zu Pride zu haben oder nicht alles sofort zu verstehen. Gerade deshalb ist es wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben und die Erfahrungen anderer ernst zu nehmen.

Zu oft drehen sich öffentliche Debatten heute um Symbole statt um Menschen. Es wird über Drag Queens diskutiert, obwohl Drag eine Form der Bühnenkunst und nicht mit sexueller Orientierung gleichzusetzen ist. Es wird über geschlechtsneutrale Toiletten gestritten, obwohl viele Menschen sie längst selbstverständlich nutzen – etwa als Einzeltoiletten in Restaurants, Flugzeugen oder öffentlichen Einrichtungen. Solche Debatten vermitteln oft ein verzerrtes Bild der Lebensrealität von LGBTQIA+-Menschen.

Unterschiedliche Meinungen sind nicht das Problem – sondern fehlender Dialog. Nur wenn wir einander richtig zuhören, können Vorurteile abgebaut und gemeinsame Lösungen gefunden werden.

Zu den Autoren

Farbe bekennen: Warum Pride mehr ist als ein Fest

Claire Delcourt ist LSAP-Abgeordnete und Präsidentin des LSAP-Bezirks Zentrum.Yannick Kieffer ist Präsident der Jonk Sozialisten Zentrum.Jeff van Luijk ist Mitarbeiter der LSAP-Fraktion und ehemaliger Delegierter im UNO-Menschenrechtsrat.

Unser aller Verantwortung

Gerade deshalb ist es unser aller Verantwortung, die Menschenrechte nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Menschenrechte müssen immer wieder verteidigt und weiterentwickelt werden.

Luxemburg gehört heute zu den fortschrittlichsten Ländern Europas in Sachen LGBTQIA+-Rechte: Gleichgeschlechtliche Beziehungen wurden bereits 1974 entkriminalisiert, die Ehe für alle gilt seit 2015, und das Adoptionsrecht wurde ebenfalls angepasst. Im aktuellen Rainbow-Europe-Index von ILGA-Europe ist Luxemburg jedoch von Platz 3 (2020) auf Platz 10 (2026) zurückgefallen – weil andere Länder aufgeholt haben, während bei uns zentrale Baustellen offenbleiben. Diese Entwicklung zeigt, dass gesellschaftlicher Fortschritt niemals selbstverständlich ist. Vergangene Erfolge waren kein Zufall, sondern das Ergebnis von Menschen, die Verantwortung übernommen und Veränderungen angestoßen haben. Es liegt nun an uns allen, diesen Weg weiterzugehen – damit auch zukünftige Generationen in einer Gesellschaft leben können, in der jeder Mensch mit Würde, Respekt und gleichen Rechten lebt.

Jetzt Farbe bekennen

Farbe zu bekennen bedeutet nicht, in allem derselben Meinung zu sein. Es bedeutet, jedem Menschen mit Respekt zu begegnen und für eine Gesellschaft einzustehen, in der niemand Angst haben muss, so zu leben, wie man ist.

Denn am Ende geht es bei Pride nicht nur um Regenbogenflaggen oder Paraden. Es geht um Menschen: unsere Kinder, Geschwister, Freund:innen, Kolleg:innen und Nachbar:innen. Menschen, die nichts Besonderes verlangen – sondern einfach die Freiheit, sie selbst zu sein.

Anmerkung

Das Tageblatt schätzt den Austausch mit seinen Leserinnen und Lesern und bietet auf dieser Seite Raum für verschiedene Perspektiven. Die auf der Forum-Seite geäußerten Meinungen sollen die gesellschaftliche Diskussion anstoßen, spiegeln jedoch nicht zwangsläufig die Ansichten der Redaktion wider.

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