Leserforum
Eltern in die Pflicht nehmen – aber ihnen auch die Möglichkeit dazu geben
Der Minister fordert angesichts der PISA-Ergebnisse, Eltern müssten sich stärker selbst hinterfragen und mehr Verantwortung übernehmen. Im Grundsatz hat er recht: Eltern tragen eine zentrale Verantwortung für die Erziehung und Entwicklung ihrer Kinder. Dieser Verantwortung kann und darf man sich nicht entziehen.
Doch wer Eltern stärker in die Pflicht nehmen will, muss auch die gesellschaftliche Realität betrachten. In den vergangenen Jahren wurden Strukturen geschaffen, die eine möglichst umfassende Berufstätigkeit beider Elternteile ermöglichen und fördern sollen. Kostenlose Betreuung und Kinderhorte übernehmen einen erheblichen Teil des Alltags unserer Kinder. Gleichzeitig sollen Eltern nach einem langen Arbeitstag zu Hause wieder verstärkt schulische und erzieherische Aufgaben übernehmen – oft mit Kindern, die selbst bereits einen langen Tag hinter sich haben.
Das ist ein Widerspruch, den Politik nicht ignorieren darf.
Es gibt Eltern, die gerne mehr Zeit für ihre Kinder hätten, es sich finanziell aber nicht leisten können. Andere sind alleinerziehend oder aufgrund ihrer sozialen Situation zwingend auf ein volles Einkommen angewiesen. Wieder andere möchten ihre Kinder schulisch unterstützen, verfügen aber selbst nicht über die notwendigen sprachlichen oder schulischen Voraussetzungen.
Deshalb reicht es nicht, mehr Verantwortung einzufordern. Wer Eltern in die Pflicht nehmen möchte, muss Rahmenbedingungen schaffen, unter denen sie diese Pflicht auch wahrnehmen können. Und dabei sollte Politik jene Eltern genauso unterstützen, die bewusst mehr Zeit für ihre Kinder aufbringen möchten, wie jene, die auf umfassende Betreuung angewiesen sind.
Die PISA-Ergebnisse sind nicht das Versagen eines einzelnen Akteurs. Bildung entsteht im Zusammenspiel von Schule, Elternhaus, Betreuung, Gesellschaft und Politik. Alle müssen deshalb bereit sein, die bestehenden Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Die Frage nach der Rolle der Eltern gehört ganz oben auf die politische Agenda. Denn es geht nicht nur um bessere Resultate bei der nächsten PISA-Studie. Es geht um Kinder, die heute jene Kompetenzen entwickeln müssen, mit denen sie morgen Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen können.
Dem Minister ist deshalb in seiner Erkenntnis zuzustimmen. Jetzt müssen daraus aber politische Konsequenzen folgen. Wer Verantwortung tragen kann, soll sie auch tragen müssen. Wer Verantwortung tragen will, muss sie auch tragen können. Genau dafür muss Politik den notwendigen Rahmen schaffen.