Dry January
Einfach mal Nein sagen
Trinken ist Standard, Nicht-Trinken die Abweichung Symbolfoto: Vincent Lescaut/L'essentiel
Trocken. Der Dry January hat ein Imageproblem. Für einige klingt er nach Askese mit Kalenderblatt, für andere nach gut gemeinter Gesundheitskampagne mit Hang zum Moralischen. Ein Monat ohne Alkohol, das wirkt streng, ein bisschen spaßbremsig. Wer mitmacht, gilt zwar als diszipliniert, aber auch als verdächtig langweilig. Wer es nicht tut, gilt hingegen als völlig normal. Eben wie – fast – alle.
Genau darin liegt das eigentliche gesellschaftliche Paradox. Trinken ist Standard, Nicht-Trinken die Abweichung. Wer beim Treffen mit Freunden ein Bier bestellt, muss nichts erklären. Wer ein Wasser will, schon. Alkoholverzicht ist erklärungsbedürftig. Wer mit dem Rauchen aufhört, hat es da deutlich einfacher.
Die Vorteile des Dry January sind bekannt, dafür braucht es keine ministerielle Verordnung. Wirklich spannend ist aber etwas anderes: Dieser Monat nimmt Druck. Plötzlich gibt es einen weithin akzeptierten Grund, nichts zu trinken. Ein einziges Wort reicht: Dry January. Keine Beichte, keine Diskussion, kein Rechtfertigungs-Marathon. Es ist offiziell. Und eigentlich erstaunlich banal.
Trotzdem gibt es Spott und Empörung. Zum Beispiel in den sozialen Netzwerken. „Du machst das mit? Kannst wohl nicht selbst entscheiden?“ „Nein sagen zum Trockenen Januar ist Pflicht.“ Dabei übersieht dieser Einwand das Wesentliche. Der Dry January ist keine Fremdbestimmung, keine Prohibition, sondern ein Schutzraum. Er kehrt den Gruppenzwang um. Aus dem stillen Druck, trinken zu müssen, wird ein gemeinsames Nicht-Trinken. Aus Coolsein durch Promille wird ein positives Wir-Gefühl ohne Alkohol.
Am Ende bleibt es, zum Glück, eine persönliche Entscheidung. Niemand muss mitmachen. Auch in Ordnung. Aber wer es tut, trägt kein Stigma, sondern denkt danach vielleicht ein wenig freier über den eigenen Alkoholkonsum nach. Für einen Monat. Oder länger. Und merkt: Nein sagen kann ziemlich cool schmecken. Manchmal überraschend. Nicht immer. Aber immer öfter.
Eine Bemerkung am Rande noch: Eigentlich müsste die Regierung mit gutem Beispiel vorangehen, die Gesundheitsministerin ernst nehmen und bei den Neujahrsempfängen im Januar in den Ministerien nur Alkoholfreies servieren. Abwarten – und Tee trinken!