Königsbruder Andrew verhaftet
Wie die Epstein-Files die britische Monarchie in die Krise stürzen
Schwarzer Tag für die britische Monarchie: Zum ersten Mal in der modernen Geschichte des Landes hat die Kriminalpolizei ein führendes Mitglied der Königsfamilie als Beschuldigten in Haft genommen. Dem jüngeren Bruder von König Charles III, Andrew Mountbatten-Windsor, wird sein enges Verhältnis zum Sexualverbrecher Jeffrey Epstein zum Verhängnis. Alles Wichtige zum Thema.
Andrew Mountbatten-Windsor ist eine zunehmende Last für die britische Monarchie Foto: AFP/Daniel Leal
Im BBC-Frühstücksfernsehen wurde Labour-Premier Keir Starmer zu den Epstein-Files und ihren Folgen für das Königreich befragt. Der Regierungschef und einstige Chefankläger forderte erneut von allen Beteiligten die Hilfe zur Aufklärung der Vorwürfe. Dies gelte auch für Andrew: „Niemand steht über dem Gesetz.“
Zu diesem Zeitpunkt muss Starmer bereits gewusst haben, dass der Königsbruder beinahe zeitgleich unerwünschte Gäste bekam. Statt etwaiger Gratulanten zu seinem 66. Geburtstag erschienen zur Morgenstunde im Herrenhaus Wood Farm auf dem Gelände des Königsschlosses von Sandringham (Grafschaft Norfolk) Kriminalbeamte bei Andrew Mountbatten-Windsor. Sie nahmen den Ex-Prinzen in Gewahrsam und durchsuchten das Haus nach etwaigen Beweisen. Einen Durchsuchungsbefehl gab es auch für die Royal Lodge im Schlosspark von Windsor (Grafschaft Berkshire), wo der Lieblingssohn von Queen Elizabeth II zuvor ein Vierteljahrhundert lang residiert hatte.
Zur Mittagsstunde meldete sich der Monarch zu Wort. Mit „tiefster Sorge“ habe er die Nachricht erfahren, ließ Charles III mitteilen. Für die vollständige, faire und angemessene Untersuchung der Vorwürfe könnten sich die Behörden auf „unsere volle und rückhaltlose Unterstützung und Mitwirkung“ verlassen. Das Gesetz müsse seinen Lauf nehmen. Unterdessen werde die Königsfamilie „ihre Pflicht und ihren Dienst für Sie alle“ weiter wahrnehmen.
Die sechs Sätze der kühlen Verlautbarung enthalten keinen Hinweis auf die verwandtschaftliche Beziehung zwischen dem Monarchen und seinem Bruder. Die Rede ist lediglich von „Andrew Mountbatten-Windsor“.
Was wird Andrew zur Last gelegt? Der Verdacht lautet auf mögliche „Amtsverfehlungen“ (misconduct in public office) aus der Zeit als offizieller Handelsbeauftragter der britischen Regierung zwischen 2001 und 2011. Den Epstein-Files zufolge reichte der damalige Prinz vertrauliche Regierungsberichte über Besuche in China, Südostasien und Afghanistan an den New Yorker Finanzhai weiter, versehen mit Hinweisen auf mögliche lukrative Geschäfte.
Ähnliche Vorwürfe werden auch gegen den langjährigen Labour-Politiker Peter Mandelson erhoben: Dieser soll in seiner Zeit als Wirtschaftsminister auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008/09 seinem Freund Epstein hochbrisante und Markt-relevante Informationen direkt aus dem Kabinett zugespielt haben. Im einen wie im anderen Fall wiegen juristische Fachleute bedenklich die Köpfe. Für eine etwaige Verurteilung bedürfen Polizei und Staatsanwaltschaft umfassender Beweise in Bezug auf die Vorsätzlichkeit – hier wohl gegeben – sowie die Schwere des selten in Anwendung gebrachten Delikts: Hat der Beschuldigte das Vertrauen der Öffentlichkeit missbraucht?
Neun Polizeibehörden mit Fall befasst
Der Königsbruder hat sämtliche Vorwürfe stets entweder bestritten oder sich nicht dazu geäußert. Wie jeder andere Angeklagte hätten Mandelson und Andrew das Recht auf ein Verfahren vor dem Schwurgericht – über Schuld oder Unschuld würden zwölf zufällig ausgewählte Frauen und Männer entscheiden.
Warum erfolgte die Festnahme jetzt? Offenbar haben sich die Kriminaler der für Berkshire zuständigen Thames Valley Police (TVP) mittlerweile durch die jüngst veröffentlichten Daten der Epstein-Files gearbeitet. Dabei konzentrierten sie ihre Tätigkeit auf Andrews Jahre als Handelsbeauftragter.
Zu Wochenbeginn gab es zudem eine Konferenz von Beamten aus insgesamt neun Polizeibehörden der Insel. Allesamt sind sie mit Verdachtsmomenten beschäftigt, die sich aus den Epstein-Files ergeben. So überprüfen Beamte die Unterlagen der rund um London gelegenen Flughäfen Stansted und Luton sowie in Birmingham. Der Verdacht lautet: Mit Andrews Hilfe wurden dort Privatflüge des US-Millionärs Visa-frei abgefertigt, mit denen junge Frauen aus Russland und anderen osteuropäischen Ländern auf Epsteins Karibikinsel transportiert wurden.
Einen diesbezüglichen Verdacht hat kein Geringerer als der frühere Labour-Premier Gordon Brown in Bezug auf Stansted geäußert und die zuständige Polizei von Essex zum Handeln aufgefordert.
Im Normalfall wird ein Beschuldigter nach intensivem Verhör durch die Polizei auf freien Fuß gesetzt. Da Andrew über einen festen Wohnsitz verfügt und keine Vorstrafen vorzuweisen hat, dürfte sein Gewahrsam noch am Donnerstag zu Ende gehen. Er ist jedoch gehalten, den Ermittlern weiterhin zur Verfügung zu stehen; um einer Fluchtgefahr vorzubeugen, müssen Beschuldigte ihren Pass abgeben.
Flucht in den Nahen Osten?
Damit wäre dem Ex-Royal der Ausweg verstellt, den einst der abgedankte spanische König Juan Carlos wählte. Mehrere Reisen von Andrews Töchtern Beatrice und Eugenie in den Nahen Osten hatten zuletzt den Buchautor Andrew Lownie („Entitled“) darüber spekulieren lassen, ob der Königsbruder seine Umsiedlung in eines der arabischen Fürstentümer vorbereite. „Die haben keine Auslieferungsabkommen mit Großbritannien oder den USA“, weiß Lownie.
Was bedeutet die Verhaftung für die Monarchie? Dass sich die Situation zunehmend zuspitzte, haben Charles III und sein Thronfolger William zuletzt am eigenen Leib erfahren. Zweimal störten Zwischenrufer öffentliche Auftritte des Monarchen mit Fragen nach dessen Kenntnis der Vorwürfe gegen seinen jüngeren Bruder. William wurde bei einem Besuch in Saudi-Arabien mit einer ähnlichen, immerhin höflich gestellten Frage eines Reporters konfrontiert.
Die bisherigen Mitteilungen aus den Königspalästen hatten von „tiefer Besorgnis“ und Solidarität mit den Opfern gesprochen; der König sicherte zudem der Kriminalpolizei seine Mithilfe zu, „sollte sie benötigt werden“. Die Erklärung vom Donnerstag ließ keinen Zweifel zu: Mit allen Mitteln will sich Charles von den Machenschaften des jüngeren Bruders distanzieren.
Wird dies reichen, um dauerhaften Schaden abzuwenden? Schon freut sich die Lobbygruppe Republic, die ihr Ziel im Namen trägt, über die vermeintlich unmittelbar bevorstehende Abschaffung der hergebrachten Verhältnisse. Bedenklicher aus Sicht des Palastes dürften jüngste Veröffentlichungen normalerweise überaus Königs-treuer Medien sein. Ein Film der öffentlich-rechtlichen BBC erörterte offene Fragen des Andrew-Komplexes, in denen auch die Mitwisserschaft des Windsor-Clans eine Rolle spielt. „Der Palast nahm dazu keine Stellung“, hieß es mehrfach.
„Diese Krise wiegt ungleich schwerer“
„Zunehmend beunruhigt“ gab sich am Mittwoch auch die Königshaus-Reporterin des konservativen Daily Telegraph, bezog in ihre Kritik aber Polizei, Regierung und Parlament mit ein. An den Palast gerichtet war die empörte Frage: „Hat denn niemand Andrews Personenschützer und Bedienstete gefragt, was sie mitbekommen haben?“
Diese heikle Angelegenheit könnte dem König auf die Füße fallen. Dem Andrew-Biographen Lownie zufolge ließ Charles III erst kürzlich die Polizeibeamten und früheren Privatsekretäre seines Bruders an die Schweigepflicht erinnern, zu der sich alle royalen Bediensteten verpflichten. Unausgesprochen sei dabei die Drohung mit Rentenkürzungen oder Strafversetzungen im Raum gestanden, berichtete Lownie unter Berufung auf seine Quellen vergangene Woche dem Club der Auslandspresse FPA. Er habe unter anderem ein Buch über die Abdankung von Eduard VIII 1936 geschrieben, sagt der erfahrene Autor und fügt hinzu: „Diese Krise – Korruption im Herzen der Königsfamilie – wiegt ungleich schwerer.“