Editorial

Eine Reise ins Schwurbler-Land

Es gibt ihn wirklich!

Es gibt ihn wirklich! Foto: Editpress/Didier Sylvestre

Schwurbler haben über den Benachrichtigungsdienst Telegram dazu aufgerufen, am Montag, 17. Januar, auf dem Kirchberg vor den „Hôpitaux Robert Schuman“ gegen die ungerechte Behandlung eines Ungeimpften zu demonstrieren. Kaum zu glauben. Wollte sich der etwa im Krankenhaus wegen Corona behandeln lassen? Oder war kurzfristig kein Termin bei einem Homöopathen zu bekommen? Dass die Person, deren Rechte die Schwurbler verteidigen wollen, an Corona erkrankte, ist allerdings unwahrscheinlich, da Corona doch angeblich eine Verschwörung ist.

Der Grund für die Demonstration ist allerdings sehr einleuchtend: „… suite à des incidents vexatoires et intolérables, qui se sont produits au Kirchberg, de la part de personnels soignants, irrespectueux envers des patients non vaccinés.“ Das geht nun aber gar nicht.

Mit „vexatoire“ und „irrespectueux“ sind selbstverständlich nicht dieselben „vexatoire“ und „irrespectueux“ gemeint, die Impfgegner gegenüber Impfwilligen in der Groussgaass und den Händlern und Besuchern des Weihnachtsmarkts an den Tag legten. Und eine demokratische Gesellschaft muss eben aushalten, dass in den Krankenhäusern wegen Ungeimpften die Zahl der freien Betten knapp wird und das Personal am Rande der Erschöpfung arbeitet. Das ist halt „tolérable“.

Bei Impfgegnern handelt es sich übrigens ausdrücklich nicht um gemeingefährliche Irre, sondern um „Hellwache“, womöglich sogar um Erleuchtete. Der Telegram-Beitrag endete nämlich mit den Worten: „Nous comptons sur un maximum d’éveillés disponibles.“

Vielleicht werden die Worte erhöht, und die Brüder und Schwestern von „Lëtzebuerg biet“ gesellen sich zu ihnen. Vereinte Gebete können ja Kranke heilen, das wurde bereits vor Jahrhunderten eindeutig bewiesen; seither wurde das Mittel mehrmals erfolgreich angewendet, wie z.B. bei Teufelsaustreibungen. Beim Krankenhaus sind die Demonstranten bestimmt herzlich willkommen: Ärzte und Ärztinnen werden sofort alles stehen und liegen lassen (die langweilen sich ja ohnehin den ganzen Tag) und auf die Straße stürmen, sich die OP-Masken vom Gesicht reißen, auf die Knie fallen, die Hände gen Himmel strecken und laut schluchzend heulen: „Zehn Jahre haben wir umsonst studiert, und sind doch dümmer als vorher. Impfen ist Teufelswerk. Gott vergib uns.“

Während die einen beten oder demonstrieren, fordern Möchtegernanarchisten die Freiheit, sich mit Polizisten prügeln zu dürfen. Im Namen der Freiheit, versteht sich. Das ist, nebenbei bemerkt, anderswo in höheren Dosen zu bekommen. Unser Tipp: Ein Flugticket ins „demokratische“ Kasachstan (nur Hinflug) kostet derzeit knapp 350 Euro.

Wir leben in einer faszinierenden Zeit. Seit Monaten befinden sich Massen auf einem Gratistrip in eine andere Dimension, „eine Dimension nicht nur des Sehens und des Klangs, sondern auch des Geistes. Eine Reise in ein wundersames Land, dessen Grenzen die der Fantasie sind. Vor uns taucht ein Wegweiser auf. Nächste Haltestelle: die Schwurbler-Zone!“ Nun gut, Rod Serling, der Erschaffer der Fernsehserie „The Twilight Zone“, nannte sie nicht „Schwurbler-Zone“. Er nannte diese Dimension aber auch noch „Mittelweg zwischen Wissenschaft und Aberglauben“.

Ein deutscher Satiriker meinte treffend: „Wer braucht bei alldem eigentlich noch Satire?“

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