Editorial
Eigentor für den Friedensmacher Infantino: der FIFA-Präsident versucht sich als Retter der Welt
Die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Gianni Infantinos Pläne, das Turnier für den Weltfrieden zu nutzen, scheiterten in Vancouver.
Es sollte das historische Foto seiner Amtszeit werden, stattdessen sorgte Infantino für einen nächsten politischen Eklat Foto: AFP
In Zeitungsläden werden bereits Sammelalben und Sticker verkauft, in den Sportgeschäften füllen sich die Trikotregale mit farbigen Shirts aller Nationen. Fast könnte man meinen, die Welt sei in Ordnung – denn die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür. Kriege und politische Krisen? Spielen so kurz vor dem Turnier keine Rolle, wenn man FIFA-Präsident Gianni Infantino zuschaut. Der sieht sich nämlich nicht (nur) als Chef seiner Geldmaschinerie, sondern auch als internationalen Brückenschläger und Friedensmacher.
Vergangene Woche ging der Schuss beim erhofften Marketing-Coup allerdings gewaltig nach hinten los. Beim FIFA-Kongress in Vancouver wollte sich der 56-Jährige mit einem historischen Foto ein Denkmal in politischer Konfliktlösung setzen: Der Präsident des palästinensischen Fußballverbandes, Jibril Rajoub, verweigerte allerdings den Handschlag und wollte auf dem Podium nicht mit Infantino und der israelischen Delegation für die Fotografen posieren. Es war der peinliche Höhepunkt einer Inszenierung.
Wenige Minuten zuvor hatte Rajoub in seiner Rede über grauenhafte Zustände in seiner Heimat berichtet. Israels Verbandsvizepräsident Basim Scheich Suliman wollte in seiner Ansprache eine andere Botschaft vermitteln: Politik habe keinen Platz im Fußball.
Und was macht Infantino? Der wollte die gedrückte Stimmung im Saal wohl wieder heben und rief zur brüderlichen Versöhnung auf offener Bühne auf. Warum dessen Berater ihm nicht von seinem heiklen Foto-Plan abgeraten haben, bleibt wohl deren Geheimnis. Der Kontrast zwischen der pompösen, ultrareichen FIFA-Szene und der Realität in Kriegsgebieten könnte aktuell größer nicht sein – und die ablehnende Haltung der Protagonisten war zu erwarten.
Dass ihm das zweite Pulverfass nicht gleich im Anschluss um die Ohren flog, dafür sorgten Zollbeamte: Der iranische Verbandspräsident wurde bei der Einreise nach Kanada an der Grenze abgewiesen. Wie internationale Medien berichteten, hatten Teile der Delegation wegen mutmaßlicher Verbindungen zur Revolutionsgarde keine Einreisegenehmigung erhalten, anderen fehlten die notwendigen Papiere.
Einer potenziellen Eskalation, vor den Augen der ganzen Fußballwelt, ging Infantino damit (unverhofft) aus dem Weg. Der FIFA-Boss versprach, dass die iranische Nationalmannschaft in einem Monat in den USA antreten werde. Bis dahin könnte die Welt aber ganz anders aussehen – und daran wird auch König Fußball nichts ändern.
Infantinos XXL-WM ist alles, aber definitiv nicht unpolitisch.