Editorial
Die Methode Lenert: Weshalb Paulette Nationale die Zeit davonläuft
Paulette Lenert (LSAP) geht methodisch vor, doch die Zeit spielt gegen sie Foto: Editpress/Julien Garroy
Das Beruhigende: Paulette Lenert hat einen Plan. Das Beunruhigende: Ihr läuft die Zeit davon. Eigentlich hat die Gesundheitsministerin alles verraten. Fast beiläufig. Während die Chamber anspruchslose Debatten führt, der blaue Koalitionspartner liberaler als die Schweiz lockert, versucht die Gesundheitsministerin das Unmögliche: die Rückkehr zur Normalität – Wirtschaft und Gesundheit sollen parallel genesen. Das Problem: die Welle, die nicht sein sollte.
Die Regierung hatte hoch gepokert. Mit ein wenig Glück würde sich alles beruhigen, die Infektionen kontrolliert steigen und die Versäumnisse der letzten Wochen nicht auffliegen. Doch es kam anders. Die zweite Welle spülte Leaks ans Ufer, Missstände wurden sichtbar: Die Datenerhebung der „Santé“ lief zu spät an, die Mission Normalität aus dem Ruder. Die Erkenntnis: Die Regierung und ihre Analysten waren lange auf einem Auge blind. Oder wie Virologe Prof. Claude P. Muller es formuliert: „Nur so wäre es möglich gewesen, Einschränkungen dort zu belassen, wo Infektionsherde zu erwarten sind, und gezielt zu lockern, wo das Infektionsrisiko gering ist.“
Dabei hätte es einem auffallen können. Spätestens als Statec-Chef Serge Allegrezza bei einem Auftritt mit Lenert am 10. Juli immer wieder wiederholte, wie wichtig das Erhalten, Zusammenführen und Qualitätsmanagement aller verfügbaren Daten seien, war es zu spät: Die zweite Welle war nur noch eine Frage der Zeit. Lenert ließ wiederum durchblicken, was sie mit der „Santé“ vorhat: nicht zur Normalität zurückzukehren. Bei derselben Pressekonferenz sagte sie zu „Santé“-Direktor Jean-Claude Schmit: „Alles huet ëmmer säi Präis. Normalitéit spigelt sech och op d’Reserv erëm, déi mer hunn. An déi ass aneschters ewéi virdrun.“
Die Lenert-Chiffre „anders als vorher“ heißt: die Teams mit heruntergelassener Hose dastehen lassen. Der akute Personalmangel bricht der „Santé“ das Genick. Wo einst Willige und Kompetente der „Réserve sanitaire nationale“ mithalfen, wird inzwischen improvisiert oder outgesourct. Zu euphorisch war der Abriss der Krisenzelle nach dem Lockdown, sehr spät folgte die Einsicht, den Krisenstab wiederbeleben zu müssen. Das Resultat: Tracing-Teams am Limit und eine mit dem Feuer spielende Regierung. Ohne Stabilität und ein dickeres Personalpolster dürfte es spätestens im Herbst krachen. Prof. Muller sieht im Tracing das Herzstück der Regierungsstrategie: „Der Verlauf der Pandemie hängt wesentlich vom Erfolg des Kontakt-Tracing ab. Sämtliche Modelle und Strategien von Uni.lu/LIH sind eng an die Tracing-Kapazität geknüpft.“
Dabei gehört Lenert zum Team Muller. Immer wieder ärgert sie sich darüber, dass die Infektionsketten nicht schnell genug durchbrochen werden können. Sie will die kommenden Wochen nutzen, um endlich zu „arbeiten“. Es spricht die Managerin. In bester „Fonction publique“-Manier sagt sie vor der Presse: „Dat sinn esou typesch administrativ Aarbechten, déi d’Leit dobaussen net esou intresséieren, déi awer ganz zäitopwenneg sinn an déi och Reflexioun fuerderen an och Kreativéit.“ Fast dreist. Denn: Nichts interessiert die Öffentlichkeit mehr, von nicht weniger als dieser „administrativen“ Arbeit hängt Luxemburgs Zukunft ab.