Editorial

Die Folgen der digitalen Verrohung werden immer schlimmer

Hass im Netz ist längst keine Randerscheinung mehr. Was mit beleidigenden Kommentaren beginnt, kann in Drohungen, Einschüchterungen und sogar realer Gewalt enden. Warum Politik, Justiz und Plattformbetreiber stärker gefordert sind denn je.

Menschen nutzen soziale Medien, während im Hintergrund Symbole für rauen Umgangston und Online-Kommentare sichtbar sind

Soziale Medien gehören für viele Menschen zum Alltag. Doch der Umgangston wird immer rauer. Foto: Alicia Windzio/dpa

Wer sich auch nur wenige Minuten auf den zahlreichen Kommunikationsplattformen im Internet aufhält, merkt schnell, dass Beleidigungen und Drohungen dort wie wild wucherndes Unkraut gedeihen. Ob unter einem sachlichen Artikel, einem mehr oder weniger gut argumentierten Meinungsbeitrag oder sogar einem privaten Foto – die sozialen Medien bieten vielen Nutzern eine Bühne, ungefragt ihre Ansichten über das Leben anderer kundzutun. Rücksicht darauf, ob dies erwünscht ist oder nicht, wird dabei nur selten genommen.

Vor allem Personen des öffentlichen Lebens stehen heute mehr denn je im Dauer-Rampenlicht. Um ihre Bekanntheit zu erhalten und den Kontakt zur Öffentlichkeit zu pflegen, ist eine Präsenz in den sozialen Medien nahezu unverzichtbar. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch, dass sie Tag für Tag den Reaktionen der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Nun mag man einwenden, dass sich Menschen, die einen solchen Beruf oder eine politische Karriere wählen, auch mit Kritik auseinandersetzen müssen. Doch längst nicht alle negativen Kommentare sind sachlich formulierte, nüchterne Kritik, die man mit einem Kopfnicken oder vielleicht einem Gegenargument beantworten kann. Vielmehr werden die Grenzen des Anstands und nicht selten auch jene des Gesetzes überschritten.

Ob Aussehen, Lebensstil oder politische Überzeugungen: Für Hassposter ist kein Angriff zu persönlich und keine Grenze zu weit. Leider wird von den Betreibern vieler Plattformen im Namen der Meinungsfreiheit noch immer zu viel geduldet, wodurch sich die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptablen und des „Sagbaren“ zunehmend verschieben. Wenig überraschend sind es oft Frauen und Minderheiten, die besonders häufig ins Fadenkreuz von Online-Trollen geraten. Vor allem dann, wenn sie sich lautstark für Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Wandel einsetzen.

Vielen von diesen Postern ist nicht bewusst, welchen Schaden herabwürdigende Kommentare bei ihren Mitmenschen anrichten können. Insbesondere dann, wenn Minderjährige zur Zielscheibe solcher Angriffe werden. Worte hinterlassen Spuren. Was für die Verfasser oft nur ein schnell getippter Kommentar ist, kann für die Betroffenen eine psychische Katastrophe sein. Und wenn die gezielte Demütigung anderer tatsächlich das Ziel ist, dann ist eine Anzeige die konsequente und gerechtfertigte Folge.

Gleichzeitig darf in der Diskussion über das Verhalten im Netz nicht vergessen werden, dass sich Hass für manche Menschen nicht auf Kommentare und Beiträge beschränkt. Wenn die Radikalisierung so weit fortschreitet, dass selbst in Luxemburg auf die Häuser engagierter Lokalpolitiker geschossen wird, dann braucht es mehr als Informationskampagnen gegen Cybermobbing und Online-Hetze.

Es reicht nicht aus, dass Polizei und Staatsanwaltschaft erst dann tätig werden, wenn Betroffene den Mut und das notwendige Wissen aufbringen, entsprechende Vorfälle anzuzeigen. Viele Fälle bleiben ungemeldet. Aus Angst. Aus Resignation. Aus Unkenntnis der rechtlichen Möglichkeiten. Das muss sich ändern.

Wer Politiker, Kulturschaffende oder andere Personen des öffentlichen Lebens systematisch bedroht, einschüchtert oder belästigt, greift letztlich nicht nur einzelne Menschen an, sondern auch die Grundlagen eines respektvollen Miteinanders. Deshalb braucht es ein proaktiveres Vorgehen gegen Hass und Bedrohungen im digitalen Raum und darüber hinaus.

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