Editorial

Der nächste Johnny Chicago ist bitte schwarz, ja?

RTL und Luxemburgs größte Produktionsfirma Samsa suchen einen neuen Johnny Chicago. Der Antiheld der 80er war ein weißes Arbeiterkind mit großen Träumen. Damit er heute noch etwas über dieses Land erzählt, darf er nicht mehr Jacques Guddebuer heißen.

Die Legende: Thierry van Werveke spielte Johnny Chicago

Die Legende: Thierry van Werveke spielte Johnny Chicago Foto: Archiv Editpress/Tania Feller

Er soll also wiederkehren, der große Troublemaker. Nur wie? Ein einfaches Reboot wird es nicht, so viel lässt sich den spärlichen Angaben bei RTL entnehmen. „Den neie Schauspiller muss zwar net direkt den originalen Johnny Chicago spillen, mee eng Figur, déi mam bekannte Personnage verbonnen ass.“ Das Casting läuft in diesem Monat, und die Rollenbeschreibung ist so knapp wie aufschlussreich: „Johnny, 25. Liwwert Pizza, déi keng Pizza ass. Seet ëmmer e Saz ze vill.“

Der ursprüngliche Johnny Chicago ist im Grunde eine lächerliche Figur, der Antipode zu Luc Capitani, Samsas letztem großen Serienhelden. Genau deshalb ist der von Thierry van Werveke gespielte Kleinganove der beste Antiheld der Luxemburger Filmgeschichte. Andy Bausch wusste schon damals, dass man Luxemburg nicht allzu ernst nehmen darf, wenn man es mögen will. Die Komik des ersten Troublemaker liegt darin, dass sich lächerliche Figuren bitterernst nehmen: Für die meisten Luxemburger ist dieser Ernst überzeugtes Spießbürgertum, für Johnny Chicago ist es überzeugtes Gangstertum. Aus diesem Widerspruch zieht der Film seinen ganzen Sog.

Nur ist das Luxemburg von heute nicht mehr das Luxemburg der 1980er, und das raubeinige weiße Arbeiterkind mit großen Träumen, das auf die schiefe Bahn gerät, ist auserzählt. Eine erste Aktualisierung deuten die Produzenten mit dem Job des Pizzaboten an: Der neue Johnny ist ein Ausgebeuteter des Plattformkapitalismus, digitales Proletariat. Daran schließt sich eine Frage an, die man ungern laut stellt. Wann hat Ihnen zuletzt ein Luxemburger die Pizza an die Tür gebracht?

Der gemeine Luxemburger träumt heute nicht mehr von einer Karriere als Gangster, sondern als Beamter. (Nicht dass Beamte nicht auch Gangster sein könnten, wie die Immigrationsdirektion zuletzt unter Beweis gestellt hat.) Wer die Figur also ernst meint, muss sie dort suchen, wo sie heute tatsächlich lebt. Natürlich kann man einen jungen, weißen, langhaarigen Rebellen casten. Wer Luxemburg aber wirklich neu erzählen will, kommt an einem schwarzen Johnny nicht vorbei.

Der Einwand kommt bestimmt: Quotencasting! Anbiederung! Hollywood-Diversity-Bullshit! Er geht ins Leere, denn hier ginge es nicht um Repräsentation um der Repräsentation willen, sondern darum, einer Gruppe, die dieses Land seit Jahrzehnten am Laufen hält und auf keiner Leinwand vorkommt, endlich eine Identifikationsfigur zu geben. Und Johnny Chicago ist keine bequeme Projektionsfläche. Die Figur ist überlebensgroß, prahlerisch, unzuverlässig, sie trägt dieselbe Ambivalenz in sich wie der Gangster-Rap, den ihr mögliches Publikum hört. Genau diese Fallhöhe erlaubt es, von Ausbeutung und geplatzten Aufstiegsversprechen zu erzählen, ohne dass daraus ein Film für den Sozialkundeunterricht an Luxemburger Schulen wird. Es wäre Bauschs Persiflage des Gangsterfilms à la luxembourgeoise fürs 21. Jahrhundert.

Dass Samsa und RTL dem bekanntesten Gangster des Landes ein zweites Leben schenken, ist eine gute Nachricht. Die bessere wäre, sie schenkten Luxemburg den Johnny Chicago, den es heute braucht. Der heißt mit bürgerlichem Namen nicht mehr Guddebuer. Der heißt Diop, Monteiro oder Adebayo.

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