Editorial
Der „American Dream“ und die Rolle von Kultur und Zivilgesellschaft in den USA
Die großen Werke der US-Literatur und berühmte Theaterstücke spielen eine wichtige Rolle für das Verständnis der amerikanischen Gesellschaft und entlarven das Versprechen vom grenzenlosen Aufstieg als Mythos.
Die US-Flagge „Stars and Stripes“ hängt an einem Einfamilienhaus in einer Wohngegend in Winston/Salem Foto: Jan Woitas/dpa
Ein geiziger Vater, eine morphiumsüchtige Mutter, ein alkoholkranker Sohn sowie sein an Tuberkulose erkrankter jüngerer Bruder sind die Hauptfiguren des 1956 uraufgeführten Theaterstücks „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ von Eugene O’Neill. Während der Patriarch den Aufstieg vom armen irischen Einwanderer zum gefeierten Schauspieler geschafft und den „American Dream“ verwirklicht zu haben scheint, sind die anderen Familienmitglieder daran gescheitert. Der amerikanische Traum, der sich in emotionaler Kälte und gegenseitigen Schuldzuweisungen manifestiert, wird zur Ursache ihres Verfalls. Nur der jüngere Sohn findet einen Weg aus dem Teufelskreis. In Bühnendramen wie zum Beispiel auch Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) sowie „Endstation Sehnsucht“ (1947) und „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1955) von Tennessee Williams, längst Klassiker des modernen Theaters, wird das Versprechen vom grenzenlosen Aufstieg und Wohlstand als Trugbild entlarvt. Hinter der Illusion verbergen sich Habgier, Intrigen und moralischer Verfall – oft gezeigter Bühnenstoff bis heute und nach wie vor aktuell.
Wenn heute die Regierung von US-Präsident Donald Trump die Werte, auf denen die vor 250 Jahren beschlossene Unabhängigkeitserklärung der USA basiert, fundamental angreift, wird zugleich auch die institutionelle Ordnung der Republik verletzt und verächtlich gemacht. Die politische Theoretikerin Hannah Arendt, die der rein repräsentativen Demokratie eher kritisch gegenüberstand, wies darauf hin, dass die beiden großen Revolutionen des 18. Jahrhunderts, die Französische und die Amerikanische, sich vor allem in einem wichtigen Punkt unterschieden: Während Erstere den Volkswillen absolut setzte und den Willen der Nation über das Gesetz stellte, habe sich in den USA die Überzeugung durchgesetzt, dass auch der Volkswille durch Gesetze beschränkt werden müsse. An vorderster Stelle stehen demnach die Institutionen. Oder wie es Winfried Thaa, Professor für Politische Theorie- und Ideengeschichte an der Universität Trier, ausdrückt: „Frankreich ersetzte den Absolutismus des Monarchen durch den des Volkes. In den USA trat an seine Stelle die Verfassung.“ In Trumps erster Amtszeit erschienen die demokratischen Institutionen noch als Bollwerk der Demokratie. Der zweiten liegt jedoch das „Project 2025“ zugrunde, ein politischer Plan zur Umgestaltung der US-Regierung und zur Stärkung der Exekutivgewalt. In diesem Zusammenhang ist eine Aushöhlung der demokratischen Institutionen zu befürchten.
Wie reagiert die amerikanische „Gegen“-Öffentlichkeit, das intellektuelle, kritische Amerika, die nicht minder unter „Beschuss“ stehende Kultur und Wissenschaft? Die US-amerikanische Literatur von Mark Twain über John Steinbeck und Upton Sinclair, Philip Roth und Jonathan Franzen bis hin zu Toni Morrison und Ta-Nehisi Coates, in deren Werken sich die Geschichte des Landes spiegelt, zeichnete ein widersprüchliches Bild des „American Dream“, der für manche zum Albtraum geriet. Die Schriftsteller beschreiben die Vorstellung, dass jeder Mensch in den USA durch harte Arbeit und unabhängig von seiner Herkunft vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann, als Mythos. Bürgerrechtler wie Martin Luther King und berühmte Intellektuelle von W.E.B. Du Bois über Susan Sontag bis Martha Nussbaum und Cornel West haben den öffentlichen Diskurs mitgeprägt, Musiker von Joan Baez bis Bruce Springsteen erhoben und erheben noch heute ihre Stimmen. Bewegungen wie Black Lives Matter und die „No Kings“-Proteste haben gezeigt, dass die Zivilgesellschaft nicht verstummt ist. Auf sie wird es auch in Zukunft ankommen. Es ist noch nicht aller Tage Abend.